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Freiheit, die sie meinen
Die neueste Entwitklung im nationalsozialistischen Lager .
Im Reidie des Herrn FrUk*
Nun beten die Kinder täglich in der Goethe-
Stadt im schönen Thüringen: „Drum mach uns
frei von Betrug und Verrat, mache uns stark
zu befreiender Tat!"
So glaubt Herr Frick dem zersetzenden Ein¬
fluß des Judentums Zu begegnen und die
Forderung der Neichsversassung zu erfüllen:
„In allen Schulen ist sittliche Bildung,
staatsbürgerliche Gesinnung, Persönliche und
berufliche Tüchtigkeit im Geiste des deutschen
Volkstums und der Völkerversöhnnng zu er¬
streben.
Beim Unterricht in öffentlichen Schulen
ist Bedacht zu nehmen, daß die Empfindun¬
gen Andersdenkender nicht verletzt werden."
(Artikel 148.)
Was mag das jüdische Kind wohl denken,
wenn ihm seine Schulkameraden im täglichen
Gebet „Betrug und Verrat" vorwerfen! Mi߬
brauch religiösen Empfindens zu parteipoli¬
tischen Zwecken! So will es der Minister
Frick.
Er hat ja sonst so wenig zu bieten. Das
nationalsozialistische Wirtschastsprogramm zu
In Magdeburg findet zurzeit eine auf
mehrere Tage berechnete Hauptverhandlung
gegen Münchmeyer statt. Eine Reihe von
Verfahren ist Zusammengezogen worden, um
zur Entscheidung gebracht zu werden.
Münchmeyer terrorisiert Gericht und Zeugen
in unerhörter Weise. Bei Redaktionsschluß
kann über den Ausgang der Verhandlung noch
nichts gesagt werden. Wir werden in der
nächsten Nummer ausführlich darauf zurück-
fommen.
erfüllen, hat er sich noch nicht angeschickt.
(Seine Koalitionsgenossen würden sich dafür
auch bedanken.) Und statt des billigen und
saftigen Huhns im Topf, das jeder national¬
sozialistische Wühler für sich schon serviert sah,
setzt man den Thüringern ein Frick — assee
von neuen Steuern, Kopfsteuer, Mietzins¬
erhöhung, vor, das manchem den Appetit ver¬
derben wird.
Herr Frick hat auch mit seinen anderen
Maßnahmen zur restlosen Beseitigung „volks¬
fremden Einflusses" wenig Glück: die Er¬
nennung Schultze - Naumburgs zum
Leiter der Weimarer Kunsthochschule hat dem
Minister heftige Kritik aus den eigenen Reihen
eingetragen. In Nr. 20 der „Nationalsozia¬
listischen Briefe" eifert ein kunstsachverständiger
Nationalsozialist Wendland gegen den
reaktionären „Neubiedermeier" Schultze-Naum-
burg. „So müssen wir als bedauerliche Tat¬
sache feststellen, daß eine junge Bewegung wie
der Nationalsozialismus einen Exponenten
einer absterbenden Kunstgeneration an eine
Stelle gesetzt hat, an die Kräfte der Jugend
gehören. . . Die Bewegung des National¬
sozialismus wird sich von den reaktionären
Elementen und vor allem den reaktionären
kulturellen Anschauungen noch gründlich reini¬
gen müssen."
Und auch mit dem Zweiten „Kunsterlaß",
mit dem Herr Frick die „schwarze Kunst" aus
deutschen Tanzsälen verbannen wollte, sind
Kritiker aus den eigenen Reihen nicht ein¬
verstanden. Eine musikalische Sachverständige
bekennt sich zum Rhythmus und zum Jazz.
Sie belehrt den Minister, daß der Jazz nicht
von den Negern stamme, und daß man ihn
ebensowenig verschmähen solle wie die Kosaken-
lieder und den Tschardas der Zigeuner.
Herr Frick und seine Freunde hören das
Raunen ihrer Wählerschaft, und sie wissen, daß
weitere Enttäuschungen vermieden werden
müssen. Deshalb stellt die nationalsozialistische
Fraktion des Thüringer Landtags ihren
Koalitionsfreunden unerfüllbare Bedingungen:
Nationalsozialisten in die Polizei, Annahme
des Schächtgesetzes von allen Koalitions-
Parteien, Bereitstellung von Mitteln für die
Erwerbslosen, Boykott der Warenhäuser und
Konsumvereine, Landesspende als dauernde
Einrichtung. Werden die Bedingungen nicht
angenommen, so tritt man aus der Negierung
aus. Dann kann man wieder ins Land hinaus¬
ziehen „als einzige Partei, die das deutsche
Volk retten kann".
Nichts schadet dieser Partei mehr als
praktische Ueberuahme der Negierungs¬
verantwortung. Heute kann man sich noch
aus den Gauparteitagen als Champion unter
den Ringern um die deutsche Wählerschaft
ausschreien, lind wenn die Trompetenmusik
vor der nationalsozialistischen Schaubude er¬
tönt und die „Meisterringer" Hitler, Goebbels,
Frick und Straffer sich zur Bühne begeben,
dann klatschen immer Tausende Beifall. Es
darf nicht verkannt werden: in diesen schönen
Tagen, in denen der Frühling den Menschen
aus den dumpfen Stuben in die Natur lockt
und Versammlungen gemeinhin leer zu bleiben
Pflegen, haben etwa 15 000 Menschen den
Berliner Sportpalast und mehr als
10 000 die Dortmunder Westfalen-
halle gefüllt. In Bayreuth marschierten
fast 2500 Braunhemden auf, I n g o l st a d t.
Landsberg sahen imponierende Versamm¬
lungen.
Viele verzichten auf einen Frühlingstag im
Freien, wenn man die Sendboten des dritten
Reiches so schön den deutschen politischen
Frühling künden hört. Bald wird man übri¬
gens unseren alten Freund Richard Kunze,
dessen schwunghafter Handel mit Gummi¬
knütteln ihm den bekannten Beinamen ein¬
getragen hat, das nationalsozialistische Horn
blasen hören. Er hat schon viele politische
Instrumente gespielt. Seine deutsch-
nationale Kapelle hat ihn als Kapell¬
meister ausgeschlossen. Was bleibt ihm
übrig, als sich in das nationalsozialistische
Orchester als einfacher Hornbläser einzu¬
gliedern. Für Frontabende empfehlen wir
das Musikstück: Etappenleben in Gardelegen.
230 000 eingeschriebene Mitglieder warten
angeblich unter Hitlers Fahne auf den Tag
der deutschen Revolution. Diese Zahl ist über¬
trieben. Trotzdem gibt die tägliche agitatorische
Leistung der Nationalsozialisten (60 bis 100
öffentliche Versammlungen am Tage) zu denken.
Stadiratswahlen in Goffies.
In Gotha, wo Nachwahlen für den Stadt¬
rat stattsanden, hat die Partei innerhalb von
fünf Monaten tausend Stimmen gewonnen
und ihren Besitzbestand innerhalb von etwa
eineinhalb Jahren vervierfacht. Jetzt
sitzen inr Stadtparlament dieser früheren roten
Hochburg 11 Nationalsozialisten neben
10 Kommunisten; die Deutsche Volkspartei und
die Deutschnationalen haben nur je vier Ver¬
treter in das Rathaus ensenden können!
Gerade wir, die wir die Bedeutung der
Nationalsozialisten als eines d a u e r n d e n
Politischen Faktors leugne n, verschließen uns
nicht der gegenwärtigen wachsenden Gefahr
ihrer agitatorischen Rührigkeit. Wenn die
anderen Parteien den Gegner ruhig gewähren,
wenn sie ihn, wie in Gotha, fast allein die
Versammlungstribüne beherrschen lassen, wird
diese Partei der Phrase immer mehr Phrasen¬
gläubige um sich sammeln.
Der Gothaer Wahlerfolg ist fast restlos auf
Kosten der Deutschnationalen und der Deutschen
Volkspartei errungen. Es muß daher wunder
nehmen, daß I n d u st r i e l l e und andere
Geldgeber der Partei den Nazi¬
pudel immer noch füttern. Er sollte
die verlorenen Schäflein in das nationale
Lager treiben, und nun entwickelt er sich ganz
gegen den Willen seiner Herren zum beute-
gierigen Hund, der die eigenen Kinder der
Herren frißt.
„Auch du, mein Brutus, auch du, du frißt?
So ruft wehmütig der Moralist."
Und er frißt und beißt schonungslos nach
allen Seiten.
Hauskrieg
unterm Hakenkreuz.
Reichswehr und Stahlhelm werden von
den Nationalsozialisten aufs heftigste an¬
gefallen, weil sie den Agitationsweg nicht
kampflos den „Zersetzern" und Hitlers Zellen¬
obleuten freigeben wollen. Zwischen dem
Berliner Major von S t e p h a n y vom
Stahlhelm und Herrn Dr. Goebbels ist
eine heftige Fehde ausgebrochen. Und der
Reichswehrminister, der seinen Soldaten die
Augen über den revolutionären Charakter der
Nationalsozialisten in einem Erlaß öffnete,
wird der Verhetzung mit gefälschten Unter¬
lagen bezichtigt. Kube bezeichnet ihn als
„den bewußten Zersetzer desBismarck--
Reichs" und droht mit Enthüllungen über
„Anbiederungsversuche" der Reichswehr an
die Nationalsozialistische Partei/
Um die nationale Zuverlässigkeit der Na¬
tionalsozialisten ist es schlecht bestellt: ebenso¬
wenig wie sie Reichswehr und Stahlhelm
schonen, machen sie halt vor H i n d e n b u r g.
Eine der scheußlichsten Beschimpfungen, die der
Reichspräsident über sich ergehen lassen mußte,
soll der Sturm 5 der Berliner National¬
sozialisten in M e h r o w (Mark) verübt haben.
Ein Hindenburg-Bild wurde in einen Garten
Dr. Hans Reichmann: Freiheit, die sie
meinen . . . 3. 259. — Aus der Arbeit
des Central Vereins. S. 261. — Paula
Ollendorff zum 70. Geburtstag. S. 263.
— Dr. H. Stern; War Antiochus
Epiphanes Judenfeind? S. 263. —
Dr.S.Weinberg: FelixWeltsch, , Juden¬
frage und Zionismus.“ S. 264. —
Rabbiner Dr. Hugo Hahn (Essen):
Christliche Forscher über jüdische
Quellen des Urchristentums. S. 265.