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geschleppt, an einen Baum genagelt, die Augen
wurden ihm ausgestochen, wobei die rasende
Horde den „gemarterten Hindenburg" im Stile
von Kriegstänzen umsprungen haben soll. Den
Vergleich mit den Indianern würden diese sich
mit Recht verbitten: „Wir Wilden sind doch
bessere Menschen."
Ernster noch als solche Ausschreitungen
ist die Entwicklung, die einzelne Parteiführer
nehmen. Ob man sich alsLohndiener
industrieller Geldgeber zu gut
ist, ob man aus taktischen Gründen
den arbeitersreundlichen Charak¬
ter der Partei stärker betont,
eines steht fest: es hat stch ein links-
radikaler Flügel der Nationalsozialisten
gebildet, der das Wort Sozialismus
mindest so oft im Mnnde führt wie
kommunistische Agitatoren. Die Frage,
ob der 1. Mai zu feiern sei, hat erbitterte
Kämpfe in der Führerschaft heraufbeschworen.
Der Gau Groh-Berlin hat jedenfalls flammende
Aufrufe zum rücksichtslosen Kampf gegen den
Weltkapitalisrnus erlassen und den 1. Mai als
Festtag der nationalen Arbeit Proklamiert.
Graf Reventlow polemisiert gegen die
„neuen Meininger", mit denen er jene alten
Offiziere und Generale meint, die die Partei
heute als Theatertruppe herausstellt:
„Die Gewinnung eines einzigen Ar¬
beiters ist unendlich wertvoller als Bei¬
trittserklärungen von einem Dutzend männ¬
licher und werblicher Exzellenzen, überhaupt
von „gehobenen" Persönlichkeiten, die der
Partei die Ehre antun wollen, ihr anzu¬
gehören.
Die NSDAP, ist eine Arbeiter-
- Partei, der nationale Sozialismus ist eben
etwas durchaus anderes als das National¬
sein des bürgerlichen Patrioten."
Hitler muß sich Zwischen diesen streitenden
Fronten: Reventlow, Otto Straßer, Goebbels
auf der einen Seite, und feinen Getreuen,
denen im Sinne der Geldgeber das Wort
Sozialismus unangenehm in den Ohren
klingt, hindurchwinden. Er prägt die gewiß
„glasklare" Formel:
„Die Wurzel des Nationalsozialismus
liegt nicht im Sozialismus als Allerwelts-
Erlösungsidee, sie ist auch kein mit einem
nationalen Vorzeichen versehener Teil dieser
Idee, sondern ein völlig neuer politischer
Begriff, dessen Totalität nicht in ver¬
schiedene Bestandteile zerlegt werden kann."
... zum Sowjetstern ?
Mit dem Feuer zu spielen, ist gefährlich.
Die Flamme des Scheinsozialismus, die in
jeder nationalsozialistischen Versammlung ent¬
zündet wurde, glänzt genau so rot wie die
kommunistischen Lagerfeuer, von denen
„nationale" Kreise den deutschen Bürger und
den deutschen Arbeiter ins Lager der national
zuverlässigen Hitler-Leute hinüberfahren woll¬
ten. Der Plan ist nicht gelungen. Schon
frohlockt die „Rote Fahne", daß sich die ent¬
täuschten, irregeleiteten Arbeiter aus der
nationalsozialistischen Front in Kiel in die
rote Klassensront eingereiht haben.
Der Reichswehrminister muß in seinem
oben Zitierten Erlaß daraus Hinweisen, daß
sich die Methoden der Nationalsozialisten in
nichts von denen der Kommunisten unter¬
scheiden. Er verweist auf einen angeblichen
Bericht der G. P. XI. an Moskau, in dem es
heißt: Es sei sehr richtig, daß die national¬
sozialistische Propaganda unsere Bestrebungen
unterstützt. Dev einfache Mann könne
einen Unterschied zwischen den beiden
hätten der Propaganda kaum erkennen.
Vielleicht werden die spendenden Förderer
sehr bald enttäuscht sein und einsehen, daß
sie ihr Geld schlecht angelegt haben. Der
Weg von der radikalsten Rechten bis zur
radikalsten Linken ist gar nicht so weit, und
eines Tages könnte sich das Haken¬
kreuz auf der Fahne mancher
Sturmabteilung in einen Sowjet-
stern verwandeln.
Dr. Hans Reiclimarm.
Der „Zriöericus" entdeckt
Mädchenhandel... in
alten Hetzschriften.
Herr F. C. Holtz, Herausgeber des
„Fridericus", Besitzer eines bemerkenswert
langen Strafregisters, lebt von der Sensations¬
berichterstattung über die Unsittlichkeit der
anderen, treibt also selbst ein im höchsten Maße
unsittliches Gewerbe.
Neuerdings scheint ihm der Stoff aus¬
gegangen zu sein, über aktuelle Verderbtheit
zu schreiben. Vielleicht fürchtet er auch, daß
man die Parallelität Zwischen den von ihm ver¬
dammten Missetaten und seinem eigenen Tun
allzu leicht feststellen könnte. So steigt er in die
Vergangenheit hinab, stöbert in alten Scharteken
und findet das Pamphlet eines als Verfasser der
Schrift „Judentum und Sozial¬
demokratie" berüchtigten Skribenten,
Alexander Berg, „I u d e n b o r d e l l e,
Enthüllungen aus dunklen
Häuser n".
Das packt ihn, da fühlt er sich zu Hause,
und siehe da: Herr Holtz und sein „Fridericus"
schreiben, als Leitartikel mit fetter Schlagzeile,
als ob die Schrift von Berg noch feucht vom
Druck sei und nicht schon 1887 erschien: „Prima
Menschenfleisch."
Lange Namenslisten entnimmt der „Fride¬
ricus" der Broschüre, von Menschen, die der
Prostitution, der Verschleppung junger Mädchen
ins Ausland Vorschub geleistet haben. Die
Namen lassen ihre Träger unzweifelhaft als
galizpche Juden erscheinen. Prozeßberichte über
die Sühnung der Verbrechen schließen sich an,
nur um dem „Fridericus" die Möglichkeit zu
geben, zu behaupten: heute geschähe von Juden
und durch Juden das gleiche wie vor fünfzig
Jahren, nur die Furcht vor den Juden sei
größer geworden, und die Gerichte scheuten sich,
jüdische Verbrecher zur Sühne zu ziehen — als
ob sich die Juden aller Welt schützend vor Ver¬
brecher stellten!
Prostitution und Auswanderungen von
jungen Mädchen zu unzüchtigen Zwecken sind,
abgesehen von pathologischen Einzelfällen, noch
nie in gesunden wirtschaftlichen Verhältnissen,
bei hellen, gesunden Wohnungen, bei guten Er¬
werbsmöglichkeiten zu beobachten gewesen. In
wenigen Gegenden der Welt aber ist menschliches
Elend in so konzentrierter Form aufgehäust wie
in den jüdischen Massenquartieren Galiziens
und Polens. Eine Flucht aus Elend in zunächst
verlockendes Wohlleben war in der Regel das,
was Holtz Mädchenhandel nennt, und wie üblich:
verbrecherische Elemente fanden stch, die den
Auswanderungen der Mädchen Vorschub
leisteten, sie begünstigten und anregten. Sie
verachtet jeder Anständige, ob Jude oder Christ.
Herr Holtz braucht alles dies nicht zu wissen.
Aber, wenn er schon in alten Schriften stöbert,
warum zitiert er nicht auch das Schreiben, das
1898 von den Spitzenorganisa-
tionen des Judentums an fünf¬
hundert galizische Rabbiner ver¬
sandt wurde, um sie aufzufordern, gegen Ent¬
artungserscheinungen der geschilderten Art in
ihren Gemeinden auszutreten? Warum zitiert
er nicht die Erklärung des deutschen
R a b b i n e r v e r b a n d e s vom 7. Juni 1902,
die in noch schärferer Weise den Mahn¬
ruf nach Galizien formuliert? Warum
erwähnt er nicht The Jewish association for
the protection of girls and women und deren
jüdisches Zweigkomitee in in Hamburg? Warum
weiß er nicht, daß auf der Sechsten deutschen
Nationalkonferenz zur Bekämpfung des
Mädchenhandels im März 1908 auch der
Jüdische Frauenbund vertreten war
und Anträge stellte, die einstimmig angenommen
worden sind? Der Name B e r t h a P a P P e n--
h e i m und ihre unermüdliche Arbeit, die sie
bis zur Königin von Rumänien führte, ist ihm
auch nicht geläufig. Er weiß auch nicht, daß in
Deutschland wegen Mädchenhandels bestraft
wurden: 1907 eine Person, 1908 zwei Per¬
sonen, 1909 vier Personen in drei Fällen,
1910 fünf Personen in zwei Fällen, 1911, 1912
kein Fall, 1913 zwei Personen in einem Fall,
wobei der Anteil der Juden an diesen ver¬
schwindend kleinen Zahlen dahingestellt
bleiben mag.
In Deutschland kommen aber jährlich
etwa eine halbe Million Menschen vor den
Strafrichter!
Die Gegenwart scheint für Herrn Holtz in
der Tat ein wenig ergiebiges Feld zu sein. Es
gelingt ihm nicht, für seine Behauptung vom
jüdischen Mädchenhandel, d. h. von einer Ver¬
schleppung von Mädchen zu unsittlichen Zwecken
als im Wesen des Judentums be¬
gründet, ja, sogar durch das jüdische
Gesetz geboten. Beweise zu erbringen.
Ihm ist auch ein Aufsatz, „Mädchenhandel",
aus der Feder eines der ersten Fachleute auf
diesem Gebiete, des früheren Kriminal-
rates und jetzigen Regierungs-
direktors Dr. Koch, in der Zeitschrift
„Die Polizei" vom 20. Februar 1929 ent¬
gangen. Vielleicht ist ihm die Autorität dieses
nichtjüdischen Autors unantastbarer als die des
Juden Dr. Max K r e u tz b e r g e r, der im
Juli-August-Heft (1929) der „Zeitschrift für
jüdische Wohlfahrtspflege" einen außerordent¬
lich gründlichen Beitrag zur Frage der
Prostitution, der Bordelle und des sogenannten
Mädchenhandels und des jüdischen Anteils an
ihnen liefert. Wir wollen deswegen auch nicht
die Feststellungen des jüdischen Autors ver¬
wenden, sondern die Ergebnisse vor¬
tragen, die Regierungsdirektor Koch
folgendermaßen formuliert: „Wenn es (das
National-Komitee zur Bekämpfung des
Mädchenhandels) jetzt von neuem eine
rege Propagandatätigkeit entfaltet, so
mutz man wissen, datz es mit dem Worte
Mädchenhandel einen Begriff ver¬
bindet, der himmelweit verschieden ist
von dem, was die Allgemeinheit
darunter versteht. Die Polizei aber mutz
sachlich und verantwortnngsbewutzt
handeln. Sie darf bei Ermittlungen
nach vermitzten Mädchen die Annahme
eines Mädchenhandels in dem
Sinne, wie ihn die Allgemein¬
heit anfsatzt, Überhaupt nicht in
ihre Rechnung stellen und ihn als das
»nehmen, was er ist, als einen
Aberglauben."
So schreibt der Fachmann.
Wenn Herrn Holtz um die Förderung der
Sittlichkeit, um die Verhütung der Erwerbs¬
und Arbeitslosigkeit bei jungen Mädchen zu tun
wäre, die so oft zur Prostitution führt, dann
schriebe er Aufsätze: Wie schaffen wir unseren
Töchtern Lebensmöglichkeiten, wie bewahren wir
sie vor Berührung mit Unsittlichkeit? Herrn
Holtz aber liegt es nur an zwei Dingen: an
Judenhetze und am Geldverdienern
So stehen an den Straßenecken seine Zeitungs¬
verkäufer. Junge Menschen gehen vorüber und
lesen und hören: „Prima Menschensleisch,
Stück für Stück 20 Psennig" —- und Herr Holtz
rettet so Deutschtum und Sittlichkeit. A. H.