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unwidersprochen gemeldet und in der Oesfent-
lichkeit bereits mehrfach erörtert wurde, die
Axt an den Religionsunterricht gelegt, um die
fundamentalste Stütze dieses Unterrichts, das
Alte Testament, ins Wanken zu bringen und
an seine Stelle eine Reihe ebenso abgeschmackter
wie tendenziöser Schulgebete zu setzen.
Wer in der Stadt Goethes und Her¬
ders sich zu solchen Gedanken und Ma߬
nahmen bekennt, hat den Anspruch verwirkt,
den Kulturinteressen weiterer Volksschichten
zu dienen. Der Widerspruch erscheint beinahe
grotesk: der „Bildungsminister" des moder -
n e n Weimar lehnt das „Fremdrassige", also
das Orientalisch-Jüdische, in Bausch und Bogen
ab; er will, bei der religiösen Unterweisung
der Schüler, dem urältesten geistigen Erzeugnis
des Orients, dem Alten Testament, seine Be¬
deutung als Lehrgegenstand entziehen — und
auf dem geheiligten Boden des klassischen
Weimar gehen Morgenland und Abendland
für Religion, Kunst und Wissenschaft eine neue,
unzertrennliche Verbindung ein:
Gottes ist der Orient!
Gottes ist der Okzident!
Nord- und südliches Gelände
Ruht im Frieden seiner Hände! —
so kündet Goethes milde, versöhnende Alters-
weisheit; und Humanus Herder, dessen geistiger
Universalismus alle Völker, alle Religionen,
alle Kulturen wie zu einer großartigen kos¬
mischen Einheit zusammenfaßte, ließ aus dem
Alten Testament den Geist der hebräischen
Poesie wieder lebendig werden, als den Urgeist,
aus dem das abendländische Christentum die
stärksten Wurzeln seiner Krast gezogen habe.
Beide, der Frankfurter Juristensohn und der
ostpreußische Sproß einer frommen Lehrer-
samilie, wußten, was sie der ältesten Urkunde
des Menschengeschlechts zu verdanken hatten.
„Ich hatte überhaupt zu viel Gemüt an dieses
Buch verwandt, als daß ich es jemals wieder
hätte entbehren können" — dies auto¬
biographische Goethesche Bekenntnis enthüllt
die außerordentlichen Seelenkräste, die den
Dichter Zeit seines Lebens mit dem Alten
Testament verbunden haben und die ihn immer
wieder zu diesem lebendigen Urquell orientalisch¬
jüdischer Geschichte, Sage und Dichtung hin¬
zogen. Schon der Knabe Goethe lernte
Hebräisch, um die ersten Bücher Moses im Ur¬
text lesen zu können; die Geschichte Josephs
und seiner Brüder regte ihn zu seiner frühesten
Jugenddichtung an; reifer geworden, versenkt
er sich in die geheimnisvollen Bücher der Pro¬
pheten, übersetzt das Hohelied Salomonis, dies
„glühende Buch der Liebe", spürt dem Wirken
und dem Schicksal des Religionsstifters Moses
nach, begleitet exegetisch Israel auf seinem
Zuge durch die Wüste, breitet über die lyrisch
hinströmenden Gedichte des „West-östlichen
Divan" den Glanz des Orients und krönt die
Beschäftigung mit altbiblischen Stoffen in der
Konzeption und Gestaltung seines „Faust",
dessen „Prolog im Himmel" von Hiobklängen
widertönt und der in einer der mächtigsten
Schlußszenen des zweiten Teiles, der Grab¬
legung Fausts, an den sagenhaften Kamps der
Geister um den Leichnam Moses erinnert.
Und Herder, der mit dem inneren Blick
des Sehers und Propheten das -ganze Weltall
durchmaß? Für ihn war das Alte Testament
dichterische, von allem Dogma losgelöste
Offenbarung, in der er die „heilige Stimme
Gottes aus dem Morgenlande" 31 t ver¬
nehmen glaubte; für ihn war insbesondere der
Schöpsungsbericht der Genesis ein morgen¬
ländisches Gedicht, dem er sich mit tiefer Natur-
nndacht hingab, und das er dann, wie ein be¬
geisterter Rhapsode, zu mächtigem Klingen
brachte. In diesen Stronr von Poesie bettete
er auch die älteste lyrische Dichtung der
Hebräer, an deren Glanzstück, den Psalmen,
er seine eigene sprachgewaltige Uebersetzungs-
kunst wiederholt erprobte; und zu einer weihe¬
vollen Symbolik des Dichterischen erhob er den
Sabbat, in dem sich für ihn das Andenken des
Weltenschöpfers wie in einem ewigen Ge-
dächtnisgesange fortdauernd erneuerte.
Aber auch auf den sittlichen Kern des Alten
Testaments stieß sein forschendes Auge vor: be¬
sonders in den Spruchbüchern und Propheten
fand er, im Verhältnis der Kinder zu ihren
Eltern, ja in dem ganzen Familiengeiste das
ausnehmendste Zeugnis der „frühesten, süßesten
Moral", und wie er die Gesetze Moses wegen
ihrer Bedächtigkeit und Sittsamkeit pries, so
verehrte er den Gesetzgeber selbst als einen
„Wohltäter des menschlichen GeschlechM.
Nichts von schlichterer Eindruckskraft, als
Herders Legende auf den Tod Moses, mit dem
herrlichen orphischen Ausklang: „Da küßte der
gnädige Gott seinen Knecht und nahm ihm im
Kusse seine Seele. Moses starb am Munde
Gottes, und Gott begrub ihn selber, und nie¬
mand weiß die Stätte seines Grabes."-
Wie die religiösen Urkunden, die mythen¬
bildenden und poetischen Kräfte der alttestamen¬
tarischen Vorzeit in den klassischen Geist von
Weimar eingegangen sind, so konnte auch das
nachbiblische Judentum in seiner geschichtlichen
Entwicklung, seinem Schicksal, seinem Wesen,
seinen individuellen Leistungen zwei so er¬
lauchten Vertretern dieses Geistes, wie Goethe
und Herder, nicht verschlossen bleiben. Beiden
ist das jüdische Problem schon früh zum Be¬
wußtsein gekommen: dem einen, als fern
empfänglicher Knabensinn alle Schrecknisse des
Ghetto aus der Judengasse seiner Vaterstadt
Frankfurt in sich aufnahm; dem anderen, als
er, aus dem bibelfesten Elternhause ins Leben
hinaustretend, die Anfänge der Menschheits¬
geschichte in der mosaischen Ueberlieserung zu
erkennen glaubte. Kein Zweifel; Goethe sowohl
als Herder waren noch in den Anschauungen
ihrer Zeit befangen, die den Juden als natio¬
nale und soziale Ausnahmeerscheinung be¬
trachtete und ihn, den Angehörigen eines frem¬
den und heimatlosen Volkes, selbst in dem
Weimar der freigesinnten Herzogin Anna
Amalia unter besondere, nur wenig ge¬
lockerte Gesetzesvorschriften stellte; aber ebenso
kein Zweifel, daß manche ihrer abschätzigen
Aeußerungen — die der Rassenspezialist
H. St. Chamberlain für Goethe mit innigem Be¬
hagen Zusammengestellt hat — nur aus solchen
traditionellen Anschauungen zu verstehen sind.
Es gibt keine innere Verbindung zwischen der
klassischen Lebensform, wie sie sich am reinsten
in Goethes „Iphigenie" und Herders „Briefen
zur Beförderung der Humanität" ausprägt und
einer Betrachtungsweise, die den sittlich¬
geistigen Wert eines Menschen- leugnet,
weil er einer bestimmten Stammes- oder
Religionsgemeinschaft angehört. Herder selbst
war sich einer solchen, aller Toleranz hohn¬
sprechenden Ungerechtigkeit vollauf bewußt, als
er gestand: „Von Kindheit auf ist mir nichts
abscheulicher gewesen als Verfolgungen und
Beschimpfungen eines Menschen über seine
Religion" und ebenso, als er, die Allgemein¬
gültigkeit alles geistig Bedeutenden hervor-
hebend, die gewichtige Frage stellte: „Wer denkt
bei Spinozas, Mendelssohns, Herz' philosophi¬
schen Schriften daran, daß sie von einem Juden
geschrieben wurden?"
Aber der geistige Reformator des Menschen¬
geschlechts wurde auch zu einem beredten Vor¬
kämpfer der Judenemanzipation, indem er sich
vor allem für eine gemeinsame, „nach einerlei
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Grundsätzen der Moral und Wissenschaft" ge¬
leitete Erziehung von Juden- und Christen¬
kindern einsetzte mit dem Ziel, die Juden als
gleichberechtigte „Mitbewohner gebildeter
Völker" an der Gesamtkultur der Menschheit
aktiv teilnehmen zu lassen. Und als ob er vor¬
ahnend in kommende Dinge eingegriffen hätte:
er verlangte, die Juden sollten die „alten Na¬
tionalvorurteile" ablegen und „ihren geistigen
Tempel nicht auf den nackten Bergen Palästinas
errichten"; ihr Palästina sei überall dort, „wo
sie leben und edel wirken".-
So wies Herder den Juden seiner Zeit den
Weg, auf dem sie ihre Menschenwürde be¬
haupten und zu nützlichen und geachteten Mit¬
gliedern der Gesellschaft werden könnten: er
brauchte ihnen nur den bedeutendsten ihrer
Glaubensgenossen, Moses Mendelssohn, den er
nach seinen eigenen Worten von Herzen hoch¬
schätzte, als Idealbild vorzuhalten, um sie der
Erfüllung ihrer hohen Aufgabe entgegenzu¬
führen.
Und auch Goethe, der große Erwecker und
Flammenträger, konnte in seiner Kulturmission
vor den Juden nicht haltmachen. Es erscheint
nicht notwendig, an dieser Stelle den ganzen
Fragenkomplex noch einmal auszurollen, da das
Thema „Goethe und die Juden" erst neuerdings
von Heinrich Teweles, sodann auch von
Julius B a b (in einer aufschlußreichen und klug
abwägenden kleinen Schrift) behandelt worden
ist. Nur soviel sei bemerkt: Goethes Verhältnis
zu Juden und Judentum ist wie ein geistiger
Austausch, wie ein gegenseitiges Schenken und
Empfangen, bei dem es nicht aus die Fülle,
Jena protestiert
gegen Günther.
Das Wolffsche Telegraphenbüro
meldet aus Weimar:
Wie der Rektor der Universität Jena
mitteilt, haben Rektor und Senat der
thüringischen Landesnniverfität gegen
die Berufung des Schriftstellers und
Rasieforschers Dr. Hans Günther zum
ordentlichen Professor der mathematisch-
natnrwissenschaftlichen Fakultät durch
das Bolksbildungsministerinm ein¬
stimmig Protest eingelegt, da das in
der Universttätssatzung verbriefte alte
Recht der Universität, bei der Berufung
auf die Lehrstühle durch ihre Vorschläge
sachkundig mitzuwirken, im Vorliegen¬
den Falle durchbrochen worden ist.
Dieser Protest der Jenaer Hochschullehrer
wird hoffentlich von dem Verband der deut¬
schen Hochschullehrer unterstützt werden. Sie
alle haben es nötig, sich gegen das „System Frick"
zu wenden. Das zeigt dev Beifall, den die Er¬
nennung Günthers in der völkischen Presse ge¬
sunden hat. Als Beispiel sei nur der „Völkische
Beobachter" zitiert, der in seiner Nr. 117 in
einem Aufsatz „Deutschland erwache" schrieb:
„. . . Mit der Ernennung Dr. Günthers
in Jena hat der Nationalsozialismus bewiesen,
daß er ernst macht, wo er sich Machtstellen
erobert. Nach und nach müssen alle deut¬
schen Hochschulen von verfaulender
liberalistisch - freimanrerisch - jüdischer
Klüngelwirtschaft gesäubert werden..