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Geschichte jüdischen Verdens
E oachim Prinz: „Jüdische Geschichte."
erlag für Kulturpolitik, Berlin 1931.
Zu einer Zeit, in der alles nach Kürze, Ein¬
dringlichkeit. Lebendigkeit drängt, ist es merk¬
würdig genug, daß der Wunsch nach Wissen um
die jüdische Geschichte bisher auf vielbändige,
schwer durchdringbare Werke angewiesen war,
um zu seiner Erfüllung zu gelangen. Möglich
auch, daß das kern Zufall war. handelte es sich
doch um die Geschichte einer Gemein-
schaff, bei der von jeher Wissen, und zwar
das schrver verarbeitete, das „gelernte Wissen",
und Frömmigkeit eng benachbarte Begriffe
waren. Joachim P r i n z ist der letzte, der diese
Begrisfsverkoppelung und die Forderung, die sie
enthält, lösen, der die herrsä>ende Versenkung
in die Geschichte vonr Werden, Wandern
und Wirken der Juden durch dre be¬
queme Aneignung entspreäiender Kenntnisse er¬
setzen will. Ausdrücklich w a r n t e t t nt
Vorwortvor einem s o lch e n M i ß v er¬
st e h e n seines Buches. „Was hier
unternommen wird", sagt er au der
gleichen Stelle, „i st der b e f ch e i d e n e B e r -
such, die jüdische Geschichte in
einem Zuge zu erzählen, und zwar
sürMenschen.denendarangelegen
ist, etwas von der Spannung, von
der-Dynamik, von dem Drama die¬
ser seltsamen Gemeinschaft zu
spüren."
Dieser Versuch ist dem Verfasser glän¬
ze n d g e g l ü cf t. Alle Einwendungen im ein¬
zelnen, alle Wünsche, die offen bleiben, ver¬
stummen vor dem einen Gefühl des Mitgerissen¬
werdens vom großen Strom eines großen, ein¬
zigartigen und rätselhaften Geschehens. Die
drei großen Kapitel des Buches heißen: A n -
t i k e, das T r a d i t i o n s j u t> e n t u m seit
Esra, Ghettodämmerung. Unterem-
^ilungen in größere Abschnitte sowie eine Fülle
von Zwischentiteln erhöhen die Uebersichtlich-
keit. Ueber manche Zertepochen wird ruhig und
sachlich erzählt, viel mehr .werden mit dich¬
terischem Schwünge Gestalten gedeutet, dem heu¬
tigen Menschen nahegebracht. Erscheinungen,
die für den Laien oft zeitlebens hinter dem
Schleier der Ehrfurcht verborgen blieben, wre
Prophetismus. Rabbinismus. Chassidismus und
Mystik, werden, im Zusammenhang des Lebens
ihrer Zeit gesehen, dargestellt nud dadurch ver¬
ständlich gemacht. Dabei wird jede ferchte
Rationalistik, jede Wollust des „Erklärens" mit
großem Feingefühl vermieden. Die Lebendig¬
keit und Unmittelbarkeit, mit der einzelne Per¬
sonen, einzelne geistige und politisck)e Strömun¬
gen vor uns erstehen, sich auswirken und sich
erfüllen, nimmt ihr nichts von t ihrer Größe,
die weniger im Ausschnitt als in der Wucht
des Zusammenhanges liegt. Es bleibt der
Schauer ion dem Walten eines großen Schick¬
sals, mag es sich nun in der Enge des Einzel¬
lebens oder in der Weite des von Juden durch¬
wanderten Erdenraumes vollziehen.
Die „Jüdische Geschichte" ist kein
wissenschaftliches Werk. Sie so zu be¬
trachten, heißt sie falsch betrachten, heißt sie in
eine Ebene verlegen, auf die sie keinerlei An¬
spruch erhebt. Eine Kritik wegen mangelnder
Tiefe, fehlender Vollständigkeit und vieler Ge¬
wagtheiten kann deshalb Unterlasten werden.
Anderseits dürfen Darstellungsmethoden, wie
fast gewaltsam starke Zusammenfassungen, Nei¬
gung zu anekdotrsck>er Erzählung, Versuche, am
Einzelsall die große Linie aufzuzeigen, von
solchen Gesichtszügen aus als Vorzüge gewer¬
tet werden. auch wenn sie vor der Strenge der
Wissenschaft bestehen sollte. Auch die Frage
der „Richtigkeit" des vom Verfasser vertretenen
Standpunktes verliert so an Bedeutung. Sicher
wird nicht jeder bis zum letzten seine Auf¬
fassung teilen. Dazu ist das Ganze zu tempe¬
ramentvoll, Zu persönlich, zu jung, zu sehr
befangen in der Sphäre des Suchend und
Irrens. Ganz besonders in der Problemattk
der Jetztzeit, in der Hinneigung zum Zionismus,
die die Stellungnahme des Verfassers zu einer
Reihe von Fragen beeinflußt, darf und soll
Kritik laut werden. Aber auch hier ist keiner¬
lei Enge, kein Parteiscksernatismus spürbar. Und
so kann man fast sagen, daß auch die Fehler
und Jrrtümer dieses prächtigen Buches einen
Reiz mehr zu seinen sonstigen Reizen hinzu-
sügen.
Die „Jüdische Geschichte" ist aus
lebendigem deutschen Judentum
gewachsen, und sie wird jüdisches
Leben bei deutschjüdischen Men¬
schen verbreiten helfen. Jüdisches
Leben in einem anderen Sinne, als es der ge¬
setzestreue Teil unserer Gemeinschaft auffaßt,
aber in einem Sinne, der — ganz ohne Vor¬
urteil — für weite Kreise unserer Jugend ins¬
besondere zeitgemäß ist. Hier ist ein Teil
des Bodens, dem wir entstammen,
mit den Geräten deutscher Kultur
und jüdischen Gemeinschaftswil¬
le n s i n g u t e r Z u s a m m e n a r b e i t a u f-
gelockert worden. Ausgabe unserer har¬
ten Gegenwartsarbeit wird es sein, die. Saat zu
schützen, die er zu tragen bestimmt ist.
Dr. Eva Reichmann-Jung mann.
Martin Philippson: „Neueste Ge«
schichte des jüdischen Volkes", Band 2.
Zweite, vermehrte und verbesserte Auf¬
lage. Bearbeitet von Dr. Immanuel
Bernfeld. I. Kauffmann Verlag, Frank¬
furt a. M. 1930.
Die Neuausgabe dieses bekannten und be¬
währten Werkes geschieht im Rahmen des
„Grundrisses der Gesamtwissenschaft des Juden¬
tums", der von der „Gesellschaft zur Förderung
der Wissenschaft des Judentums" herausgegeben
wird. Der vorliegende Band behandelt die Ge¬
schichte der Juden in Mittel- und Westeuropa
von 1875 ab und die der Juden im Orient seit
1830. Die Darstellung der ersten Auflage
reichte bis 1908. Dr. Immanuel V e r n f e l d,
der verdienstvolle Bearbeiter der Neuausgabe,
hat das Werk bis 1914 weitergeführt. Mit Recht
hat er davon abgesehen, auch die unmittelbare
Gegenwart in die Darstellung einzubeziehen,
denn durch den Weltkrieg hat sich die Lage der
Juden in fast allen Ländern so grundlegend
geändert, daß mit ihm eine neue Epoche in der
Geschichte der Juden anzusetzen ist, die beson-
dere Behandlung erfordert. Abgesehen von der
Berichtigung von Irrtümern und kleinen Ver¬
besserungen hat der Herausgeber das Werk
Philippsons in seinem ursprünglichen Aufbau
belassen. Auch diese weise Zurückhaltung wird
dem Wert des Buches zugute kommen. Das
erste Kapitel des Bandes beschäftigt sich mit
Deutschland und schildert besonders die Ent¬
stehung des modernen Antisemitismus. Auch
die beiden bekannten Fälle von Rrtualmord-
beschuldigungen, die in diesen Zeitraum fallen
(kanten und Könitz), finden hier ihre Dar¬
stellung. Dr. 8. W.
Dr. I. Münz: „Jüdisches Leben im
Mittelalter". Mit Illustrationen. 1930,
Verlag M. Kaufmann, Leipzig.
Die Frühgeschichte der deutschen Juden be¬
gegnet steigendem Interesse, und die Geschichts¬
schreiber bemühen sich, die kulturgeschichtliche
Seite, die früher so stark vernachlässigt wurde,
immer mehr in den Vordergrund zu rücken.
Auch das vorliegende Buch hat diesen Vorzug:
es entwirft ein anschauliches Bild vom reli¬
giösen, geistigen und wirtschaftlichen Leben der
deutschen Juden im Mittelalter und in den
folgenden Jahrhunderten. Mit Recht betont der
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