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der C-V.-Ztg
Nummer 49
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Nummer 18
! ] 6. Dezember
i 1934
BLÄTTER. DES BUNDES DEUTSC-H-JÜDISCHEU JUGEND - BEILAGE DER. CV.-ZEITUNG
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Den Jungeren im Bunde gehört dieses Blatt und einem Fest, das sie sich formen wollen. Es
unterbricht die ernste Folge dieser Blätter, auf denen sich vornehmlich Aeltere um die Gestal¬
te ihres deutsch-jüdischen Daseins.mühten. Heute haben die Jüngeren die Menorah entzündet
und sitzen wartend und suchend im Kreise. Noch niemals haben sie in diesem jungen Bunde
Chanukka begangen. Was sie erhoffen und was sie gestalten wollen, das haben sie, bündische
Menschen aus vielen Berliner Zügen, aus dem zweiten, dem fünften, dem siebenten, dem fünf¬
zehnten und dem achtzehnten Zug, hier niedergeschrieben.
©estsltyng der ©egenworf —
Feiern ist nicht so leicht wie man glauben könnte. Es fordert Arbeit, es fordert Ueberlegung,
und es fordert Bereitschaft Vom Führer bis zum jüngsten Pimpf schreibt hier ein jeder, was er
zum Chanukkafest tat und wie er sich zur Feier bereit machte.
Von der neuen Aufgabe
Chanukka steht wieder einmal vor uns. Wir,
die Jüngerenfübrer im Bund, sehen uns da vor
eine schwierige Aufgabe gestellt. Denn immer
wieder kommen die Kleineren und Mittleren
zu uns und fragen, weil sie nichts Rechtes aus
diesem Fest zu machen wissen. Sie haben bis¬
her nur Weihnachten erlebt. Der brennende
Baum, die Geschenke und alle die feierlichen
.Vorbereitungen, überhaupt das ganze Bild der
weihnachtlichen Welt, das zauberte in ihnen
eine Stimmung hervor, die eigentlich jeden mit-
riss. Und wenn er nur in der Schule war,
irgendwie hatte fast jeder jüdische Junge und
jedes jüdische Mädel am Weihnachtsfest
Anteil. Mit einem Male nun ist dies alles zu
linde. Ausgeschaltet sind sie von dem festlichen
Treiben, das doch schon lange vor dem 24. De¬
zember beginnt, und das dem ganzen Früh¬
winter sein Gepräge leiht. Ratlos stehen sie
da und suchen die Freude.
Hier haben wir einzugreifen, es ist einfach
unsere Pflicht, wenn wir sie führen wollen. Es
hat deshalb keinen Zweck, lange darüber zu
sprechen, ob es richtig oder falsch war, wie
es bisher gehalten wurde, und es ist auch sinn¬
los, vergangenen Zelten 'nachzutrauern. Wir
sind vielmehr froh darüber, dass wir ein jüdi¬
sches Fest haben, das den vielen Jungens und
Mädels in unserem Bund eineü neuen Halt
geben kann; ein Fest, das sie Weihnachten
vergessen macht, und ein neues, aufbauend
wertvolles an seine Stelle setzt, ein Fest, das
sie über das plötzliche, klägliche Ausgestossen-
sein hinwegbringt, das sie verwirrte.
So tauchte die Frage der Chanukkagestal-
fung im Bund dieses Jahres in besonderer Be¬
leuchtung auf. Es wurde uns nicht leicht ge¬
macht damit, denn wir befanden uns zum ersten
Male in dieser schwierigen Lage, die Neues
von uns fordert, weil es eine innere Not zu
überbrücken gilt. Aber unsere Jungens und
Mädels gingen mit Feuereifer daran, sich selbst
etwas zu schaffen. Denn das eine haben sie
alle gesehen: Wenn man nicht mehr tut, als
immer nur wieder die Chanukkageschichte
durchzunehmen und immer nur wieder die
Sagen, die sich an diese Begebenheiten knüp-
Ifn, an Hand der biblischen Geschichte nach¬
zulesen, so hat man nur wenig getan. Das
alles wird in jeder Religionsstunde durchgekaut
und schon mehrere Fimpfe beklagten sich bei
mir, wie langweilig es doch sei, immer die
gleichen Dinge zu lernen und zu lesen. Es
geht heute für uns vielmehr darum, neue Arten
finden, die uns und unsere Leute Chanukka
neu erleben lassen und diese Feiertage allen
unseren Menschen zugänglich machen. Da
haben wir uns denn hingesetzt und kleine
Theaterstücke, die sich mit den Taten der
Makkabäer und der Chanukkageschichte be¬
fassen, geschrieben. Das hat eigentlich allen
Gruppen Spass gemacht. Selbst unsere Klein¬
sten gingen an die Arbeit und schufen in ihrer
Unbefangenheit manchmal ganz nette Sachen.
Die Vorbereitungen zur Feier selbst scheinen
uns mit denen zum Weihnachtsfest viel Aebn-
lichkeit zu haben. Früher war es zwar selbst¬
verständlich, dass man daran ging, Weihnachts¬
arbeiten anzufertigen und altes Spielzeug und
Bücher und Sachen für ärmere Kinder heraus¬
suchte, aber niemand dachte eigentlich daran,
zu Chanukka das gleiche zu tun. In diesem
Jahre, da jeder zu hören bereit war, taten einige
Anregungen das ihrige. Wenn man zu den
Heimnachmittagen der Mädchengruppen kam,
so konnte man sie in eifrigster Arbeit mit
Stricknadel und Wollknäuel beschäftigt sehen,
und die Jungens bastelten still und fleissig an
alten Spielsachen herum, um sie zu reparieren.
Die grösste Sorge machte uns die Gestal¬
tung der eigentlichen Feier. Von Anfang an
hüteten wir uns davor, die alte Streitfrage auf¬
zuwerfen und zu erörtern, ob Chanukka ein
religiöses Fest sei und wieweit es ein natio- .
nales, kriegerisches Fest ist. Ich glaube, an
Hand dessen, was er gelernt hat, wird jeder
eine ganz bestimmte Vorstellung von dem Sinn
des Festes gewonnen haben. Dem kleinen
Pimpf ist der Juda Makkabi der Held, der zahl¬
lose Schlachten gegen vielfache Uebermacht ge¬
wann. Das Mädchen sieht in Hanna, die sich
durch keine Drohung von ihrem Glauben ab¬
bringen liess, die Heidin der Chanukkatage.
Im dritten Fähnlein aber, wo die Mittleren zu¬
sammen sind, wird man schon auf das Gedank¬
liche zu sprechen kommen, nämlich auf den
Kampf einer Gemeinschaft um ihre Ideen und
ihre Religionsfreiheit. Deshalb ist es zweck¬
mässig, eine Feier zu veranstalten, bei der die
Leute altersmässn'g getrennt sind. Nur so —
indem man mehr auf das eine oder andere ein¬
geht und "das Gewicht entsprechend verlagert
— kann man die Chanukkageschichte wieder .
lebendig machen und den Jungens und Mädels
die Feier zu einem Erlebnis machen, an das sie
noch lange denken. Weihnachten werden sie
dann nicht wieder in Grübeleien verfallen,
sondern der brennende Chanukkaleuchter wird
ihnen eine bleibende Erinnerung sein, die in
dem Weihnachtsgetümmel der Grossstadt nicht
mehr verloren geht. Und überkommt den einen
oder den anderen doch wieder das Gefühl des
Ausgestossensein und der Verlassenheit, dann
werden ihn die brennenden Kerzen immer an
den Kreis erinnern, mit dem er sie angezündet
hat, und ihm stets sagen: da stehen Jungens
und Mädels, die mit dir sind und die bereit
sind für die Zeit; sie werden tapfer mit dir
zusammen in die Zukunft marschieren.
Wolfgang Salinger (Berlin). 5. Zug.
Werdendes Erleben
Der zweite und siebente Berliner Zug, die
ja besonders nah zusammenstehen, feiern dies¬
mal gemeinsam Chanukka. Grundsatz ist eines:
die Feiern ßollen ganz einfach sein. Wir wollen
diesmal die Pimpfen ihre eigene Feier gestalten
lassen, ganz wie sie sich das vorstellen. Die
Aeiteren werden nur ganz kurz beisammen
eein. Sie werden Lichter anzünden, einer wird -
über den Sinn des Festes sprechen, dauu werden
wir singen und miteinander sprechen. Es kann
hier nicht gesagt werden, wie wir „bündisch"
Chanukka feiern, weil wir Feiern immer aus
sich selbst wachsen lassen. Denn man kann und
soll da keine Programme aufstellen und sich
niemals festlegen in diesen Dingen. Feier¬
stunden komme.u von selbst, sie lassen sich —
vor allem von Vierzebu- bis Fünfzehnjährigen —
nicht erzwingen, ohne dass die Jungens und
Mädels empfinden, dass mau etwas ihnen nicht
Gemässes von ihnen verlangt. Wir erwarten ein
Erlebnis, doch heute wissen wir noch nicht, ob
wir es haben werden. Anschliessend soll ge¬
zeigt werden, wie sich unsere Jungens und
Mädels ihr Fest denken. Noch scheint keine
eigene Form da zu sein, aber jeder, der dabei
ißt, wird fühlen, was bei uns anders ist als auf
anderen Feiern. Beschreiben können wir es
heute noch nicht. Julius Stern (Berlin)
7. Zug
Stimmen der Jüngsten
Wir wollen im Heim unser Chanukka feiern. .
Wir werden Lichter anzünden, und einer wird
die Chanukkageschichte erzählen: Einst hatten
die Juden gesiegt und gingen in den verödeten
Tempel, um Gott zu danken; es war nur noch
ein Tröpfchen Oel in dem Lämpchen, aber Gott
half den Juden, und das Oel reichte acht Tage
lang. Gott half damals, und Gott wird uns
auch jetzt helfen. Mit diesem Gottvertrauen
werden wir jetzt feiern. Wir erinnern uns an
all das, was damals geschah. Aber wir wollen
fröhlich sein und spielen, denn Chanukka ist ja
ein Siegesfest. Wir wollen Trendelchen spie¬
len, und dann werden wir zum erstenmal mit
unserem selbstgemachten biblischen Quartett
spielen. Es hat zwar viel Arbeit gemacht, die
Stammväter, Stammütter, Stämme, Richter,
Propheten, Könige usw. zu malen, aber jetzt
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Zeichnung von Rudolf Bloch (Berlin)
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Kommt, wir zünden leis' ein Licht
In der Dämmerstunde.
Kommt, sdiliesst eure Reihen dicht
Um den Leuchter, schwer und schlicht,
Bildet eine Runde.
Ring im Banner, werde weit,
Hell auf dunklem Grunde.
Zeichen der Verbundenheit
Jugend, die für dich bereit,
Findet sich zum Bunde.
Leuchte, Licht, und wachse, Ring!
Einkehr lasst uns halten.
Feuer, das sich flüchtig fing,
Mögest nicht erkalten.
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macht es doppelt viel Spass, wenn man sie
zum Spielen gebraucht. Vorher, und das ist die
Hauptsache, werden wir ein Chanukkastück auf¬
führen, das einer unserer Pimpfen selbst ge-
. schrieben hat.
IIa Kleinermann und Lotte Davidsohn (Berlin),
2. Zug, beide 15 Jahre.
Pimpf enefoanukka
Wir wollen eine Feier machen, so gut, wie
es für Pimpfen geht. Zuerst soll ein Junge ein
Gedicht aufsagen. Einer von uns hat ein
Chanukkastück geschrieben, das wir aufführen
wollen. Dann werden wir ein selbstgemachtes
Quartett spielen, und zum Schluss wollen wir
vergnügt sein und trendein. Viele andere
Spiele und Lieder haben wir vor. Es wird so
Schön werden, wie wir es uns wünschen.
Hanns Herzfeld (Berlin), <
7. Zug, 11 Jahre.
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Zeichnung von Rudolf Bloch (Berlrnj
Der Makkabäer Handttreick bei Emma»»
Chanukka — die Geschichten um Eleasar, um Hanna und um Mattathias' Söhne haben sich
fn der Ueberlicferung zu ßchönen Sagen verwoben. In allen Jüngeren sind sie lebendig. Ver¬
gangenheit und Gegenwart berühren sich hier und werden in ihnen lebendige Tradition. Kaum
eine Feier wird begangen werden, auf der man nicht von ihnen erzählte, auf der man sie nicht
^als Theaterstück aufzuführen suchte. Unbefangen, ohne strenge Bindung an die traditionelle
Abfolge der Ereignisse, ßuehen die Jüngeren für die Geschichten um Chanukka eigene Gestalt.
schrecklichen Qualen. Ein solches Beispiel
der Glaubenstreuo gab der neunzigjährige
Eleasar. Die Diener des Königs, die Mitleid
mit ihm halten, rieten ihm, er solle sich Fleisch
britigen lassen, dass er essen dürfe, und sich
stellen, als iisse er von dem Opferfleische. Er
aber antwortete: „Es steht meinem Alter nicht
an, zu heucheln. Wollte ich dies tun, so würden
viele der Jüngeren denken, der neunzigjährige
Eleasar sei zum Heidentum übergetreten, und
durch meine Heuchelei und um meines kurzen
Lebens willen würden sie ebenfalls irregeleitet
werden. Ich aber würde meinem Alter Schimpf
und Schande zuziehen." — So wurde auch er
ein Opfer der Glaubenstreue.
Einstmals wurden auch sieben Brüder mit
ihrer Mutter vor den König geführt. Da sie
bereit waren, lieber den Tod zu erdulden, als
die väterlichen Gesetze zu übertreten, wurden
auch sie unter grausamen Martern getötet
Da stand in dem Städtchen Modiim ein
Priester namens Matthatias aus dem Geschlechte
der Hasmonäer.auf. Dieser tötete einen Juden,
der vor aller Augen am Altare opferte. Dann
floh er mit seinen Söhnen und einer Schar von
Glaubensgetreuen in das Gebirge. Sie zogen
Erwachte Vergangenheit
Ungefähr im Jahre 200 vor Christi wurde
Palästina mit dem syrischen Reiche vereinigt.
Während Antiochus der Grosse den Juden reli¬
giöse Freiheit gewährte, wurden sie von seinem
Sohn Antiochus Epiphanes grausam verfolgt.
Antiochus befahl, dass alle Bewohner seines
Reiches den griechischen Göttern dienen sollten.
So sollten auch die Juden die väterlichen Ge¬
setze nicht mehr beachten. Altäre wurden über¬
all errichtet, unreine Tiere geopfert, und die
Juden wurden gezwungen, vom Opferfleiscbe zu
essen. Wer sich weigerte, von dem Fleische zu
essen, wurde unter grausamen Martern hin¬
gerichtet. Selbst in dem Tempel Gottes wurde
ein Götzenbild aufgestellt, und am 25. des Mo¬
nats Kislev im Jahre 168 vor Christi zum ereten
Mal den Götzen geopfert. So wurde der Tempel
entweiht.
Viele, besonders manche vornehme Juden
opferten an den Altären. Diese nannte man
Hellenisten. Die Glaubenstreuen mussten in
Höhlen wohnen, um Verfolgungen • zu ent¬
gehen. Andere heiligten den Namen Gottes
vor den, Augen . aller. und starben unter