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XV. Jahrgang / Nr. I
Berlin; 3, Januar 1936
Preis 10 Pfennig
885004A
entral
ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS
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1936
A. TT. Am 28. Dezember des abgelanfenen
Jahreswar her 25. Todestag von Raphael
L owe n s e l d, dessen bekannte Flugschrift
l 898 den Anstoß zur Gründung des Central-
Vereins gegeben hat. Am 4. Januar geden¬
ken wir Moses M endelssohns aus An¬
laß seines 150. Sterbetages.
Tie Fragestellung Löwenfelds - -
„S ch u tz j u d e übe r S t a a t s b ü r g e rV'
ist zwar überholt, aber die Wirkung mancher
seiner männlichen Forderungen lebt im in¬
nerjüdischen Bereiche fort und ist Gemeingut
der jüdischen Arbeit geworden: daß nämlich
die Vertretung jüdischer Notwendigkeiten vor
der Oefsentlichkeit von Männern in offener
und rückhaltloser Weise unter klarer Kenn¬
zeichnung ihrer Eigenschaft als Juden zu
erfolgen habe. Löwenfelds Vorstellung von
der ^ Anwendbarkeit seiner Grundsätze kreiste
freilich um andere Gegebenheiten, als sie
heute vorliegen. Aber die Bestätigung einer
Forderung als Wahrheit liegt gerade darin,
daß sie für al l e Tatbestände zutrifft. Da¬
durch wird die Wahrheit nicht zu einem
Mantel, dessen Richtung und Form der.je-
preM webende Mmd- LeMmmt. sondern sic
wird zum Maßstabe. an dem sich herausstellt,
ob Männer und Geschehnisse standhalten oder
versagen. — Was M e n d e l s s o h n uns
heute neu bedeutet, spricht Fritz.Bambergcr
kn vollendeter Form an anderer Stelle dieses
Blattes aus.
Im Schatten und im weisenden Lichte
dieser beiden Männer blicken wir aus 1935
zurück und versuchen den Standpunkt für
j>te Beantwortung der Fragen zu finden, die
das verhüllte Jahr 1936 uns stellt.
Das vergangene Jahr hat eine Fülle von
Ausrä u m tt n-,g 8 arbeiten in jeder Bedeu¬
tung des Wortes iür uns J-uden in Deutsch¬
land gebracht. Das Auf und Ab unserer
Stimmungen in Hoffnung und Resignation
wurde gegen Ende, das Jahres durch, die
Nürnberger Gesetzgebung aus der Sphäre
der Kontemplation in die reale politische
Wirklichkeit gestellt. Wir, die wir uns be¬
müht hatten, uns selbst und unsere Freunde
zur festen und mutigen Betrachtung auch der
Moses Mendelssohn
Zur ISO. Wiederkehr seines Todes¬
tages, von Dr. Fritz Bamberger ( f.Beibl.).
Ausserdem die Beilagen: Das Blatt der jüdischen .
Frau. — Wirtschaft der Woche. — Sportblatt. —
Palästina-Umschau. ^
Ungewißheit zu erziehen, sehen uns um
so mehr berechtigt zur Forderung, den T a t -
s a ch c n ^gegenüber fest und mutig der Zu¬
kunft cntgegenznsehen.
Wie sehen die T a t s ach c n aus. die unsere
Zukunft hier bestimmen? Wir sind 1935 auch
formal aus der politischen und kulturellen
Gemeinschaft der innerhalb der ,Grenzen des
Deutschen Reiches lebenden Menschen ausge¬
schaltet. Unsere wirtschaftliche Lebens-
möglichkcit freilich hat fei n e weitere
ge sell l i ch e B c s ch ränku n g erfahren,
sie hat allerdings Mit der Dynamik
der Volksstimmung zu rechnen, ohne
daß wir — nach autoritativer An-
; sicht — wcitcrgchende Schlußfolgerungen
itftb- Entschlüsse aus Kundgebungen dieser
Dynamik ziehen Hollen. Mail, hat^nns vor"
allem die staatsrechtliche Qualität einer
..v ö l k i f ch e n". in Veränderung der
bisher bekannten Terminologie der
..nationalen" Minderheit zuer¬
kannt. und neben der« Notwendig¬
keit, die Bedeutung dieser Tatsache zu er¬
fassen, verlangen vor allem Begriffe, wie
~«.i. unserer nututeum Antononne. von uns
Positive Stellungnahme. Anssüllung und s>lus-
führung.
Wir haben in den letzten fahret!
unendlich viel Materialien unserer Geschichte
kennen und wertend zuni Vergleich unserer
Situation heranzuziehen gelernt. Aber.letzten—
Endes ist nur in einem Punkte solch Ver¬
gleichen berechtigt: Im Hinblick nämlich aus
die Haltung jüdischer Menschen, wie sie
immer und je sich neuen und ungewohnten
und fremden und damit bedrohlich er¬
scheinenden Ereignissen gegenüber verhalten.
Es gilt, das Grundgesetz der Strömung
unserer Geschichte zu erkennen, nicht nur die
Quellen lesen zu lernen, wie sie in allen
Sprachen der Knlturmenschheit von uns über¬
und übervoll find.
Und diese Grundvoraussetzung lautet:
Juden bejahen ihre Gemeinschaft in
der Welt der Gemeinschaften als
lebenswert und znkuustswert. /Inden unter¬
stellen sich dem Geilte ihrer Geschichte, tveil er
für sie mit dem Willen der,göttlichen Allmacht
identisch ist. Juden ordnen sich dem Gesetz
des Tages und der Umwelt ein, solange es
gestattet, daß sie Juden bleiben.
Alles andere ist Beiwerk, ob nun der
kleine Pufferstaat des Altertums sich immer
von neuem arrangieren mußte, um seine
Ohnmacht unter den Mächtigen wie Feuer-
Unter der Asche zu hegen. ' ob Hellas
' NM,-:.Ins augnsiinMe '.uo da-.-
kämpser .-.H'-Kirchliche — mit Lockung oder
Drohung unser Endo bringen wollten,
ob - die m i t t e l a 1 1 e r l i cfj e n Jahr¬
hunderte durch die Inquisition. durch
Wirtschasrs- und Rechtssesseln lins am
Boden hielten, ob zuletzt das Paris
der großen Revolution, von dem her die
.Gleichung stammt, daß wir den Weg in die
Welt mit dem Weg a u s d c in I u d e n -
t u m auszugleichen hätten, ob das Mo s k a n
der Gottverneinung unsere Eristenz in Frage
stellten — alles ist Variation zn dein Thema:
Juden und Judentum sind seit Jahrtausen¬
den trotz °der Zeiten und werden es bleiben,
solange Juden immer wieder ihr svrsönliches
Schicksal unter den Lebensdrang der jüdischen
Gemeinschaft stellen. Nnd gerade das zn be¬
greifen und das. zu tun, hat die letzte Frist
uns Jude): in Deutschland wieder stark ge¬
lehrt.
Unsere Frage in dieser Zeit und an
diesem Orte ist deshalb nicht so sehr von der
Sorge um das Judentum diktiert, das seit
mehr als einem Jahrhundert niemals io
lebensvoll und verjüngt innerhalb unserer
Welt war — von den großen Bewegungen -
unseres Schicksals in Tontschland ans¬
gerührt. Unsere Sorge zstlt vielmehr
den Menschen. ^Juden / sind, und
die als Träger Judentums erhalten
bleiben sollen. Es erle.lchPn^'^nisere Aufgabe
— wir sprachen diesen Gedanken schon zum
November-Gedenktag 1933 ans — daß wir
diefe Sorge unsererseits in keiner Hinsicht als
politische Forderung empfinden. Und zudem
erhalten politische Gestaltungen von der ge¬
schichtlichen Bedeutung der deutschen Revo¬
lution ihre Gesetze aus ihrer inneren Gesetz¬
mäßigkeit. gleichgültig gegen äußere An¬
regungen. Wir jammern nun nicht, weil die
Voraussetzungen unserer neuen Lebensgestal¬
tung in keiner Hinsicht derjenigen vor 125
Jahren vergleichbar sind, sondern wir
fragen uns. wie muß nach nnscrem Grund¬
gesetz des,jüdischen Taseins unser Tenken be¬
stimmt sein? Das Gleichbteibeude und' das
Unterschiedliche gegenüber dem Beginn
unserer GleichberechtigungseJwche sind in dem
gegenwärtigen Beginn unseres,.Daseins, als
völkische Minderheit zn prüfen, und dabei
wir Felder, die engere Umwelt und die Welt
in ihrer Gestaltung überhaupt. ' •
Wir sind keine Ghcttojuden geworden,und
wollen keine- Gbettojnden werden, liniere
Autonomie soll kein Abschluß von der Welt
sein, sondern die Auswahl ihrer geistigen Be¬
sitztümer an den Zollschranken unserer jüdi-
England
nni Lord
In seiner Londoner Wohnung ist Lord
Reading am,30. Dezember. 4 Uhr nachmit¬
tags, im 76. Lebensjahr gestorben. Nachdem
sein Gesundheitszustand schon in den letzteil
Tagen zn den schwersten Befürchtungen An¬
laß gegeben hatte, hatte er den Tag bei ver¬
hältnismäßig gutem subjektivem Befinden
ruhig verbracht. Ju deu Nachmittagsstunden
trat außerordentliche Herzschwäche ein. Ter
Kraute verschied bald, nachdem er das Bc-
lvußlsein verloren hatte.
Bereits im» September v. I., ivar Lord
Reading infolge einer Erkrankung an Herz-
nitlinut gezwungen, ftd) von jeder öffent¬
lichen Tätigkeit znrückzuziehen. Am 10. Ok¬
tober beging er auf Walmer Castle. Deal, wo
er die Zeit seiner Rekonvaleszenz verbrachte,
in aller Stille die Feier seines 75. Geburts¬
tages. Ta ihm die Aerzte größte Schvnnüg
auserlegt hatten, konnte er keinerlei Gratu¬
lationsbesuche empfangen.
Scho t in deu -asten Stund.-4 nach he>u
Betamü,verden des Todes von u^.cusing
scheu Lebensbejahnug — nicht nur der Le¬
bensbejahung als Juden. Und es ist weder
eine Undankbarkeit noch eine politische Zweck-
handlllng. daß wir. durch den Gang der Er¬
eignisse die Distanz zu den geistig-kulturellen
Kräften der Ferne verringert, die der Nähe
vergrößert fühlen. Tie Ghettomanern — uni
vs im Bilde dieser BorsteUnng zn sagen - -
schlossen ab. die Mauern um uns heute liäbeu
Zirmen, von denen man offenen Blickes in
die Weite und in die Zukunft schaut. Es
waren c u r o p ii i s cti e Jwpulse. deren/Nach-
wirtungen. in den Staaten des Deutschen,
Bundes u.n5 nufere Rechtsstellung vermittel¬
ten. Es wäre undankbar gegen Europa,
wenn das Ende der Nachwirkung innerhalb
der deutschen Grenzen die Ablehnung der
Impulse nach sich ziehen sollte.
Als wir den Weg ans dem Ghetto hiu nis
begannen, vollzog sich die Berührung mit der
Well in der Mehrzahl durch Vermittlung
von Nichtjnden. Wenn wir jetzt in unsere
Abgeschlossenheit hineingehen. nehmen . wir
einen Sternenhimmel großer Geister nukeres
Glaubens und unseres Stammes init. die aus
allen - Gebieten geistigen, wisienschaitlichen.
tünstlerischen .Schaffens Großes geleistet
haben, und die uns mm innerhalb der deut¬
schen Grenzen durch die T i s s i in i l a t i o n
um alleinigen, geistigen Erbe
.gegeben iverdeu. Wir belegen dabei nicht
etwa die Riänner mit dein mittelalterlicl)en
Bann, die enge und engste Berührung mH
dem deutschen Kulturkreis gehabt, .die den
geschichtlichen Auftrag, deu das 19. Jahr¬
hundert auch au uns Inden hatte, innerhalb
dieser Zeit nach bestem Können und richtig
erfüllt haben, lllllr werten lediglich kritisch
an den heimgehotteu lsiroßen .unserer Ge-
meinscliast. was nur durch die Zeit und des¬
halb nur aus der Zeit zrr verstehen ist.. Aber
wir sehen als vorbildlicl>e Grundtatioche in
ihnen 'die Rivglichkeit unseres menimlichen
Taieius überhaupt vernsirklicht. wie - s fein
kann, wenn die geschichtliche Weltstunoe mit
der jüdischen Stunde züianunenichtagi.' unv'
wir dürfen und sollen in untere Bezitke mit
hineiunehmeu. ivas außertialb der deutschen
Grenzen von Inden.innerhalb ihrer '/ander
und was von Nichtjnden anßerhaib und zum
Teil auch innerhalb Teut'chlands geschaffen
trauert r
Reading
trafen bei. seinen Angehörigen zat,llose Bei«,
leidskundgebungen aus hohen und höelisten
Kreisen ein. Ort und Jeit der Beisetzimg
sind bisher noch nicht.bekanntgegeben nwrde».
Die Todesnachricht wurde am 30. Dezem¬
ber im englischen Rundsnnl verbreitet. Tee
Ansager schloß den Nachruf mit de» Wor¬
ten: .. E s st a r b e i u j ü d i s ih e r E d e 1 -
Das ßeilcid des Königs
Ter König von England sandte folgendes
Beileidstelegramm an die of
Headiiig:
„Die Königin und ich find zutiefst de«
kümmert über den Tod Ihres Gatten.
Seine Dienste für den Staat werden der
Ration unvergeßlick) sein. Wir fühlen mit
Ihnen und Ihrer Familie den «nersebi
baren Vertust."
(Forlseizung des TrauabenJils umstehend )
wird, und wir warten ans den großen Bei- /
trag, den das neue Palästina imsercu
geistigen Räumen spenden möge. Tonn
imsere kulturelle Dissimilation ist ein
vom Teutsctitum lier genwllter Vorgang,
durch den die Einwirkung jüdischer Menschen
auf die Gestaltung des deutschen Geistes¬
lebens von Grund aut, verhindert werden
soll. Aber-damit sind zugleich auch die Gren¬
zen klar, die der deutsche staatliche Wille uns
innerhalb unterer tnlturetlen Sphäre setzt -
wobei nur der Vollständigleit halber hinzu- .
gefügt sei. daß, die staatliche 21 nfficlyt die
Fn'nehaltung dieser Grenzen jederzeit fest-
stellen kann, die tvir 'inmitten der großen
Revolution der deutschen Kullur auch von
uns aus als Juden.keineswegs überfcl,reiten
wollen. Eine Titsimilntion von europäischem
Geiste ist uiel,t gesordert. Wir linden neue
Maßstgbe, geivouneu. iveil 1035 iitif|l Jsi _*
ist. aber sie werden von indisct,en Ollenschen
verwendet, die sich bewußt als, zuiciischen am
Beginn uud nicht tüehr als R<eiiicl)eu dürs-,
tiger Fvrtsetzimg fühlen, lind wir lvuiien
das. weil e i'n e. Kviitinuirät'gewahrt bleibt,
die allein verpflichtend für uns ist: unser
jüdischer Wille.
Tie praklischen und die geistigen Aut-
gaben der tvinuienden Zeit sclieinen dem¬
nach klar: es find Juden als Präger
des Judentums zu erhalten, und es ist
das lebendig neiveckte Judentnin mit den
großen geistigen Strömungen dieser Tage
in lebendige Berührung zu bringen, soweit
es im Rahmen des', staatlichen Wollens und
der Stellungnahme dieser Strömungen znm
Judentum zulässig ist., Gcrahe weil die Ber-
enguug unseres Levensranms immer wieder
Menschen vor allem der jüngeren Generation
zum 'Anssiicheu neuer Länder ''veranlagen ,,
wird, müssen wir darüber wachen, daß sie
nicht als „Ghettvjuden" eine für-'ihre,,
Gläubensgelwssen dort nach bekannten Bor- _
bildern nnersrenliche Erscheinung werden.
Ebenso wie deu Rleusclien unserer Feit
nichts I ü d i f ch e s t r e m d sein soll.
darf ihnen E u v'i)T« " r di t i re m b wer- '
den. Ein Weg n n r zum Judeutuin bringt
als Ziel weniger als Judentum, llstir
molken, das Jahr 1033 als Wegsteiii auf der
Straße des 20., Jallrhunde-rts . auch i'ur
uns Juden. -