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Nr. 16 * 1. Beiblatt
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Anierika /
Sonderbericht für die C.-V.-Zeitung von Dr. Bruno Sommerfeld
Was der Einwanderer
wissen sollte
Mit der Warnung vor einer vielfach irri¬
ge« Beurteil img des Wirtschaftslebens in
USA durch Einwanderer aus Europa endete
der in der vorigen Nummer veröffentlichte
Abschnitt dieser Aufsatzreihe. Dieses Kapitel
und damit die Serie werden mit den nach¬
stehenden Ausführungen vorläufig abge¬
schlossen. Die Redaktion
Die Wunderkarrieren, die man in der
ganzen Welt als „typisch amerikanisch' 4 be¬
zeichnet hat. sind heute in Amerika nicht
aktueller als in jedem normal funktionieren¬
den grossen Staats- und Wirtschaftsverband.
Die Ausbeutung der Naturschätze, die Grün¬
dung neuer Industrien, das Aufziehen
riesiger Handelsunternehmen mit ihren gi¬
gantischen Wirtschaftskämpfen und Er¬
folgen; wie sie für die amerikanische Grün¬
derzeit charakteristisch waren, gehören in
R8!lten - Altersversorgung u. and. VefSlCfl6T 11^080
Victor Send, Berlin C. 2, Neue Promenade 4. Tel. 42 60 35.
diesem Stil der Vergangenheit an. „Wie
s i e gross und reich wurden" kann heute
nicht mehr der Leitfaden der neuen Ein¬
wanderer sein, da sich die wirtschaftlichen
und. sozialen Verhältnisse inzwischen grund¬
legend gewandelt haben. In diesem Land
der vielen Widersprüche kann man die
Wirtschaftschancen wahrscheinlich nur
durch das scheinbare Paradoxon um¬
schreiben, dass man hier leichter und
schwerer Geld verdienen kann als in
Europa. Leichter: Hat man erst einmal eine
Chance bekommen, so sind im allgemeinen
die Entfaltungsmöglichkeiten besser und die
Verdienstspannen"grösser als in den ent¬
sprechenden Berufen in Europa. Schwerer:
Bekommt man nicht den richtigen An-
schluss, so kann man Jahre und Jahre
draussen bleiben oder am untersten Boden
der amerikanischen Tretmühle zermalmt
werden.
Doch gehen wir der falschen Perspek¬
tive in zwei die Einwanderer aus Deutsch¬
land zumeist interessierenden Berufskate¬
gorien etwas näher nach. Eine grundsätz¬
liche Fehlhaltung besteht in der An¬
nahme einer Ueberlegenheit unserer
Ausbildung vor der amerikanischen.
Mit Ausnahme weniger wissenschaft¬
licher, künstlerischer und handwerk¬
licher Berufe muss hier jeder noch
einmal in die Lehre gehen. Auf euro¬
päischen Lorbeeren kann sich niemand
ausruhen. Dem Akademiker, sei er Natur¬
oder Geisteswissenschaftler, wird das Ge¬
fühl seiner Ueberlegenheit gründlich aus¬
getrieben, sowie er seine Studien auf der
amerikanischen Universität aufnimmt. Wie
glaubten wir den Amerikaner an Syste¬
matik und Gründlichkeit überlegen zu sein,
und wie erstaunt mussten wir feststellen,
dass die Amerikaner — zumindest die
alleren Semester — nündestens so gründ¬
lich studieren und für gewöhnlich härter
arbeiten als europäische Studenten.
Amerika hat in der Nachkriegsperiode
Kuropa auf den verschiedensten Gebieten
überflügelt. Zahnärzte, die schon prak¬
tiziert "haben, müssen hier noch ein¬
mal auf die Studienbank zurück. Die
natur- und geisteswissenschaft¬
lichen Lehrstühle der namhaften Uni¬
versitäten sind mit Könnern besetzt
die auch jeder europäischen Univer¬
sität zum Ruhm gereichen würden. Das
amerikanische Erziehungswesen, das neben
diesen Vorzügen auch bedenkliche
Schwächen aufweist, nimmt einen so
grossen Raum im öffentlichen Leben ein,
dass ihm ein besonderes Kapitel gewidmet
werden muss. Hier sollte nur ein falscher
Blickpunkt der Neuankommenden gezeigt
werden.
Der Kaufmann wird sich an neue Ge¬
schäftspraktiken und Methoden gewöhnen
müssen, aber durchaus nicht an jene Sorte
von „typisch amerikanischen Geschäfts¬
praktiken", die in der amerikanischen
( Gründerzeit und der zehnjährigen wilden
Spekulationsära nach dem Kriege an der
Tagesordnung waren. Die kaufmännische
Organisation bat unter dem Gesetz der
-efficiency", das in Amerika nicht gross
genug geschrieben werden kann, fast die
Exaktheit einer Wissenschaft erhalten. In
Europa kennt man gewönhilch nur das
Schlagwort „Fordisierung", worunter man
eleu von Ford eingeführten bis ins letzte
durchorganisierten Arbeitsteilungsprozess
in der Industrie (das laufende Band) ver¬
steht. Inzwischen hat die kaufmännische
Organisation besonders auf dem Gebiet des
Einzelhandels ungeheure Fortschritte ge¬
macht. Ob das auch zugleich immer so¬
zialer Fortschritt war, steht auf einem an¬
deren Blatt. Die Auswüchse des unfairen
Wettbewerbs, wie sie die grossen Unter¬
nehme rverbände zum Schaden des kleinen
selbständigen Unternehmers sich geleistet
haben, sind von der amerikanischen Regie¬
rung und einem Teil der amerikanischen
Geschäftswelt selbst mit grossem Erfolg be-
Lielerung aller Dentalwaren Dental - Grosshandlung
Jfeu-Einricmungen DElAKUß £•£
AUSWanderer-SeratUnS Berlin W, TauenJiiensJr.lO
kämpft worden. Im Zuge der New-Deal-
Politik haben fast alle grossen Industrie-
und Handelszweige unter offizieller Sank¬
tion bindende Vorschriften, sogenannte
Codes, zur Erreichung von Fairness im
Wirtschaftskampf erlassen. Aber wichtiger
noch als die Regelung auf dem Papier ist
die Schärfung des öffentlichen Bewusst-
seins gegen den Missbrauch ungezügelter
Wirtschaftsfreiheit. Wer unsaubere Ge¬
schäfte macht, wird gesellschaftlich ge¬
ächtet. Wer sein Wort als Kaufmann nicht
hält, kann ebenso gut seinen Laden
schiiessen. denn es ist um seineu Ruf ge¬
schehen. Noch heute tragen es die Ameri¬
kaner den Alliierten nach, dass sie ihre
Kriegsschulden nicht bezahlt haben. Ver¬
sprechen ist Versprechen, dem man sich
nicht einseitig entziehen kann. Aehnliches
lässt sich selbst auf dem Gebiet des ameri¬
kanischen Reklamewesens feststeilen. Ge¬
wiss trifft man heute noch in Amerika Re¬
kfamemethoden, die man in vielen Ländern
Europas nicht anwenden würde. So blüht
hier immer noch das ..Testimonial
Rackett". die bezahlten „Gutachten"' - irgend¬
welcher „Grössen" aus dem Reiche" der
Kunst und Wissenschaft. Aber auch hier ist
seit Jahren ein Kreuzzug für die „Truth in
Advertising" (Wahrheit in der Reklame)
mit wachsendem Erfolg im Gange.
Bluff gilt auch in Amerika vorzugsweise
beim Pokern, nicht aber im täglichen Le¬
ben. Im allgemeinen habe ich feststellen
können, dass die Amerikaner recht wenig
^imiier Ludwig Sfeinnefz \
> Nürnberger Str. 56 {neben Woolworth) ^
von sich hermachen. Dem Europäer gegen¬
über haben sie immer noch eine Art Min¬
derwertigkeitskomplex auf kulturellem
Gebiete. Die Professoren und Studenten
sprechen in den achtungsvollsten Tönen
von dein „European background", der uns
ihrer Meinung nach einen grossen Vor¬
sprung verschaffe. Die einsichtigen Euro¬
päer haben längst die höfliche Üebertrei-
bung dieser Einschätzung erkannt. Bluffen
gilt nicht, sollte also die Devise des Ein¬
wanderers sein; zuerst sollte er nur sehen,
hören und lernen.
Soweit meine Beobachtungen reichen,
haben sich die jüngeren Auswanderer
leichter in die neue Situation gefunden als
die älteren. Sie sind mit unbekümmertem
Lebensmut und ernstem Arbeitswillen an
den Neuaufbau ihrer Existenz und damit
ihres Lebens gegangen. Wenn ich in ein
paar Sätzen das Fazit der mir bekannten
Schicksale ziehen sollte, so müsste ich fest¬
stellen, dass die überwiegende Mehrzahl
von ihnen sich inzwischen ohne grössere
Reibung in den amerikanischen Wirt-
schaftsprozess eingegliedert hat. Die
meisten haben recht bescheidene Stel¬
lungen inne und müssen unter Anspan¬
nung aller Kraft arbeiten, um im Wett¬
bewerb nicht zu unterliegen. Viele haben
ihre Stellung auf eigene Faust gesucht und
gefunden, indem sie sich durch Empfeh¬
lungsbriefe nach dem Schneeballsystem
von Unternehmen zu Unternehmen durch¬
gefragt haben. Die Hilfskomitees haben
nicht selten wertvolle Unterstützung leisten
können. Die amerikanischen „Präsiden¬
ten" und ^Vizepräsidenten" haben die gute
Eigenschaft sich persönlich sprechen zu
lassen, wenn es auch nur für kurze Zeit ist.
Verallgemeinern lassen sich diese Erfah¬
rungen nicht, da die amerikanische Ein¬
wanderung Einzelwanderung ist und
bleiben wird, und die Chancen je nach
Alter, Vorbildung, Beziehungen für jeden
Ort in Amerika verschieden sind.
Einige Einwanderer haben schon nach
kurzer Zeit verblüffend 'gute Stellungen
gefunden. Wenn man den Gründen nach¬
geht, so sind oft kleine Zufälle entschei¬
dend gewesen. Es ist schon so, wie mir
ein erfahrener amerikanischer Geschäfts¬
mann neulich sagte: .,Den Zufall können
Sie nicht herbeiführen, aber sie müssen
für ihn gerüstet sein." Er meinte damit,
dass das amerikanische Berufsleben unbe¬
rechenbar ist, dass man' heute ganz oben
und morgen ganz unten stehen kann, dass
plötzlich eine Verwendungsmöglichkeit
auftaucht, an die man nie gedacht hak
aber man darf sich in Amerika nicht
treiben lassen und auf seine ..Chance"
warten, sondern muss mindestens so ziel-
bewusst, gründlich und vielseitig seine
Ausbildung betreiben wie in der alten
Welt. Durch solche Realität zerstiebt viel¬
leicht eine amerikanische Fata Morgana.
und die hochgespannten Erwartungen in
den Köpfen oder Briefen der Bleibenden
und Wandernden mögen um einige Grade
sinken. Aber mit Trugbildern ist nie¬
mandem gedient, und auch das Amerika
des Jahres 1938 ist bunt und lebensvoll
genug, um jeden Menschen, der Selbstver¬
trauen und Mut zum Wagnis hat. unwider¬
stehlich in seinen Bann zu ziehen.
Das Protokoll von Rom
Am 16. April wurde in Rom ein englisch-
italienisches Protokoll unterzeichnet, dem zwei
Briefe und sieben Anlagen beigefügt sind. Die
Anlage drei verbreitet sich in acht Artikeln als
umfänglichster Teil dieses Dokuments über die
Situation im Mutieren Osten. Es verlautet, dass
über Palästina im Laufe der Verhandlungen aus¬
führlich gesprochen worden ist. ohne in einem
der Dokumente ausdrücklich erwähnt zu sein.
Der Generalsekretär des Völkerbundes,
Avenol. teilt mit. das« die englische Regie¬
rung durch Außenminister Halifax den An¬
trag gestellt habe, auf der am 9. Mai beginnen¬
den Sitzung des Völkerbundsrates die Befug¬
nisse des High Coimnissioner für die deutschen
Flüchtlinge auch auf die österreichischen
Flüchtlinge auszudehnen. In der Mitteilung des
englischen Aussenministeriiuns wird die Dring¬
lichkeit .diese» Antrages im Interesse der
Flüchtlinge besonders betont.
unermüdlichen Schaffen eine Grenze gesehst
wurde.
William Stern gehörte xu den bekannten und
international anerkannten Psychologen. Er begann
seine akademische Laufbahn in Breslau, wurde
dann im Jahre 1919 an die neugegründete Ham¬
burger Universität berufen, der er bis zum Jahre
1933 angehörte. William Stern hat eine umfassende
.Jüdisches F&ehgreschäft Spe;. Röntgen- zr,i E'.elctro-Kedi:«
Bedarf für den Arzt Äuswanderer-Beraluns, An- % Vsrks«?
Köntg-en-iag-. Xusrt Uarcsiso
Berlin N. 4. 'Chausseestrasse r > Telefon 42 60 68.
und weitreichende Forsehertätigkeit entwickelt.
Es gibt kaum ein Gebiet innerhalb der Psycho¬
logie, auf dem er nicht anregend und fördernd
gewirkt hat. Er hinlerlässt umfangreiche Werke
über die Psychologie der Zeugenaussagen, Krimi-
nalpsyehologie. Jugendpsychologie, Kinderpsycbo-
logie, Psychetechnik, dift'erentielle Psychologie
usw. Ycr allem ist er durch sein Hauptwerk, die
..Psychologie der frühen Kindheit", das in vielen
Auflagen erschien, bekannt geworden. Oft wurde,
er als psychologischer Gerichtssachverständiger
herangezogen. In einem dreibändigen Werk legte
er seine philosophischen Grundanschauungen des
Personal ismus nieder. Kurz vor seinem Tode er-
erisfsB3rk8ti-rajäii?lS^^a
schien in englischer Sprache eine Allgemeine Psy¬
chologie.
In weiten jüdischen Kreisen in Deutschland
ist in den letzten Jahren seine Tochter Eva durch
ihre hervorragende Tätigkeit für die Jugendalija
bekannt geworden.
Eine grosse Anzahl von Freunden und ScMlent
wird mit tiefem Mitgefühl den Tod dieses hervor-
WSe bJsiier beliefert Sie*
<w MaroareteMermannJrankfartaJ.
SÄ Haus- und Küchengeräte für
Ajisstatt.issgr und Aoswanöernnsr
Bsac-tüen Sie aber: %. Zt. nor
■■ XySaisestr. 27. a. d. Wittelsbacher Allee
Haltestelle Linie 15. Tel. 28368. Anf Wunsch Hausbesuch.
ragenden Gelehrten betrauern. Er war nicht nur
wissenschaftlicher Forscher und Lehrer, sondern
vielen von uns ein väterlicher Freund, der an den
persönlichen Sorgen seiner Schüler Anteil nahm
und vielen tatkräftig Förderung und Hilfe
leistete.
Professor Dr. Curt Bondv, Gross-Breesen.
Waran und w© finden Sie Ret?
William Stern
An der Universität D u r h a m im Staate Norib-
Carolina (USA) wirkte seit einigen Semestern
Professor Dr. William Stern. Eben waren die
ersten Fäden gesponnen, um eine persönliche Ver¬
bindung zwischen ihm und der neugepianten
Gross-Breesener Siedlung im benachbarten Staat
Virginia herzustellen und wissenschaftliche und
persönliche Beziehungen sollten wieder aufge¬
nommen werden, die den Schreiber dieser Zeilen
seit langen Jahren mit William Stern verbanden,
zuerst als sein Schüler und später als Kollege an
der Universität. Nun kommt ganz unerwartet aus
Amerika die Nachricht, dass William Stern an
einem Herzschlag gestorben ist und damit seinem
8nUßlHnn!ttU!UIWH!ll!UINi!!M!?HIIH^
MlttelöeutscbSand
^Sagdefonrgr
Erfnrt
27, April, 16—15 übr, Könij-
strasse 15, II.
2S. April, 18—!8 l A Uhr. Syna¬
goge.
>iordde«tschIai54i
Hannover
Mittwochs 16—IS Uhr. Lsad-
schaftstr.6 (Bankhaus Mr-yerstein)
wrgearben
in Süd-Afrika
Wohl jeder Jude, der in den letzten Jahren nach Süd-Afrika eingewandert ist. kennt das
Haus der Jewish Guiid, deren Zweck, Juden mit Rat und Hilfe den Weg in die neue Heimat
zu erleichtern, schon aus der Aufschrift einer Tafel zu ersehen ist, die aussen am.Hause ange¬
bracht ist (Bild4). Die besondere Fürsorge der südafrikanischen Juden gilt der Jugend, in dem
Waisenhaus (orphanage, Bild 1), von dessen Fenstern man einen herrlichen Blick über die süd¬
afrikanische Landschaft hat (Bild 2), werden die Kleinsten der Kleinen beireut. Die ausgezeichnete
ehrenamtliche Leiterin, Frau Hammerschlag, wählt zu ihren Helferinnen und Kinderschwestern
auch gern Jüdinnen aus Deutschland. Auch unter den Kindern, diese« Waisenhauses finden wir
Kinder jüdischer Einwanderer aus Deutschland, ebenso wie in dem schönen Mädchenheim (Bild 3).
in dem berufstätige junge Mädchen zu niedrigen Beitrügen leben können, so dass sie auch bei
kleinen Gehältern gut aufgehoben sind. Die beiden lustigen Schulmädel, die das Bild zeigt,
tragen die typische englische Schuluni form, die ja auch in Süd-Afrika üblich ist.
Foto und Montage Hedwig Frankensrein.
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FRSEDR1CHSTRASSE 193a, ECKE LEIPZIGER STRASSE.
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