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Januar 1915
2. Jahrgang
Tebeth-Schebat 5675
Unser Kaiser.
Zum 27. Januar 1915.
Wenn diese Blätter, die der Lehre und dem Leben im
Judentum gewidmet sind, seit nun einem halben Jahre Be-
trachtungen über die Gedanken und Empfindungen bringen,
welche der Krieg in uns auslöst, wenn sie auch den neuen Jahr-
gang mit ähnlichen Ausführungen eröffnen, so leitet den Her-
ausgeber nicht das Streben, aktuell zu sein. Jedes Haschen
nach Sensation soll dieser Zeitschrift fern bleiben. Aber es
liegt im Wesen des Judentums, wie wir es verstehen, daß es
nicht eine !Religion für den Feiertag ist, sich nicht damit be-
gnügt, den Menschen auf ein, zwei Stunden im Laufe der
Woche zu seinem Gott zu rufen, daß es nicht scheidet zwischen
dem Alltagsleben und der Zeit, die man der religiösen Er-
bauung und Erhebung weiht, sondern daß es alles Tun und
Lassen, alles Denken und Fühlen, jede Beziehung des Menschen
zueinander, alles Heine und große Geschehen, jede geschieht-
liehe Betrachtung und jede politische Stellungnahme sub spe-
cie aetemitatis betrachtet wissen will, unter den Gesichts-
punkt rückt, was sagt dazu dein Glaube, was heißt dein Gott
dich tun, wie mußt du als Jude die neuen Eindrücke in die Ge-
samtheit deiner religiösen Überzeugung und der Forderungen
deines religiösen Lebens einordnen.
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