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2. Jahrgang
Mai 1915 _
Ijar-Siwan 5675
Heft 5.
Der heilige Egoismus und das gottgesegnete
Volk.
Die Politik ist nicht mit den Maßstäben zu messen, die
Ethik und Religion uns anzulegen gebietet. Ob Moral als
Politik einmal die Richtschnur abgeben wird für das Yer-
halten der Völker zu einander, das wissen wir nicht. Es ist
wenig wahrscheinlich und vielleicht auch für die nächste Zeit,
in der uns und unseren Nachkommen zu wirken beschieden ist,
nicht einmal als Ziel zu erstreben. Denn es ist ein zu weit-
gestecktes Ziel und lenkt darum unsere Aufmerksamkeit und
unsere Tatkraft von dem nächsten und erreichbaren Ziele ab.
Die Völker setzen sich aus Individuen zusammen, und die
einzelnen Menschen zur Verwirklichung der sittlichen und
religiösen Ideale zu erziehen, ist die erste und wichtigste
Aufgabe. Alle pazifistischen Bestrebungen kranken an dem
Fehler, daß sie die Völker bessern wollen, bevor sie die
Menschen zu wandeln versuchten. Die Kriege werden nie
durch internationale Abmachungen, durch Verträge, durch die
Belehrung über den sittlichen Unwert und die Schäden der
Kriegsführung unmöglich gemacht werden. Denn das Wollen
der Völker, dem ihre Interessen die Richtung geben und
ihr Fühlen, das durch ihre Charakteranlagen und ihr Tempe-
rament bestimmt wird, werden sich im entscheidenden Augen-
blick nie dem vernünftigen und sittlich geschulten Denken