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Testfjurun
2. Jahrgang
Siwan-Tammus 5675
Der ewige Friede,
Die ungeheuere Erregung, die jetzt die ganze Kulturwelt
durchzittert, hat alle Erörterungen über die Menschheitsideale
zum Schweigen gebracht. Das entbindet aber keinen, der es
mit seinem religiösen Denken und Fühlen ernst nimmt, von
der Pflicht, sich darüber Rechenschaft abzulegen, ob die Ereignisse
dieser Zeit und die Art, wie er sie mit seinem Empfinden
begleitet, den Grundideen seiner Religion entsprechen. Dieser
Weltkrieg scheint im schärfsten Widerspruch zu stehen zu
dem Ideal des ewigen Friedens. Nun gilt aber einerseits
der ewige Frieden als eine Grundidee des Judentums. Und
andererseits nehmen wir leidenschaftlich Anteil an dem Ver-
lauf dieses Krieges, erhoffen aus dem Ende eine gewaltige
Steigerung der deutschen Kraft, bejahen also recht eigentlich
den Wert der männermordenden Schlachten. Die Lösung dieses
Zwiespaltes zwischen Religion und Patriotismus, der ja auch
in anderen Punkten zutage tritt, soll in folgendem für das
Problem des ewigen Friedens versucht werden. Wir werden
sehen, daß dieser Zwiespalt nur deshalb als solcher empfunden
wird, weil über die Grundgedanken des Problems Unklarheit
herrscht, und wir werden zu dem Resultate gelangen, daß die
landläufigen Erörterungen über den Wert des Krieges und
den des dauernden Friedens in sich widerspruchsvoll sind. Wir
wollen dann zu zeigen versuchen, inwiefern die Lehre des
Judentums die Lösung dieser Widersprüche zu bringen vermag.
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