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Der ewige Friede.
I
Sehen wir zunächst von jeder spezifisch religiösen Wertung
der Friedensidee ab und fragen wir: Ist der ewige Friede
an sich ein erstrebenswertes Ziel, so lauten schon auf diese
erste Frage die Antworten verschieden.
1 . Die Einen verweisen auf die Greuel des Krieges, auf
das namenlose Leid, das er für den einzelnen im Gefolge führt,
auf die ungeheuren Wunden, die er auch dem siegreichen Volke
schlägt. Sie zeigen uns, daß das starke Volk von heute infolge
ruhmreicher Kriege das dekadente Volk von morgen ist. weil
die stärksten und tüchtigsten Männer dem Kriege zum Opfer
fallen und nur die schwachen und für den Aufstieg der liasse
wertlosen Volksglieder übrig bleiben. Wie denn das fra-11-
zösische Volk seinen Niedergang dem riesengroßen Verlust an
Menschen verdanke, den dienapoleonischen Kriege gefordert haben.
Die Vertreter der Nationalökonomie belehren uns darüber, daß
der Krieg für jedes Volk ein schlechtes Geschäft sei. Der Wert
des einzelnen M enschenlebens repräsentiere heutzutage ein
solches Kapital, daß die Höhenentwickelung nur durch die
Menschenökonomie durch die sparsamste und rationelle Aus-
niitzung eines jeden einzelnen gewährleistet sei. Die Sitten־
lehrer beklagen die Verwahrlosung der einzelnen und den
Zusammenbruch der idealen Werte, wie er im Verlaufe und
im Gefolge des Krieges zutage tritt.
Aber da kommen die anderen und beweisen uns das
Gegenteil. Die friedliche Arbeit sei zwar die Mutter, aber
der Krieg der Vater aller Dinge. Alle Kultur ist dem Kampfe
entsprungen. Der Staatsgedanke der alten Zeit den Kriegen
des Römertums, der des Mittelalters den Kriegen Karls des
Großen und seiner Nachfolger. Die Geistesfreiheit ist ein
Produkt des Dreißigjährigen Krieges, die .Bürgerfreiheit erwuchs
aus den napoleonischen Kriegen. Der Krieg allein entfaltet
auch eine einheitbildende Kraft, ohne die ein Volk sieh in
innerem Unfrieden verzehren würde. So ist das sicherste