Seite
Tesd^urun
August-September
2. Jahrgang
Ellul-Tischri
Der Gott der Gerechtigkeit.
Ein Moratorium des Christentums forderte ein vielbeach-
teter Brief vom Felde, der in der ״ Christlichen Welt“ ver-
öffentlicht war. Er hat viele Entgegnungen hervorgerufen.
Es steht uns nicht zu, uns in diesen Streit zu mischen. Aber
die Frage ist berechtigt, wie kommt es, daß uns dieser Gedanke
so völlig fern liegt? Es dürfte auch von unseren Gegnern schwer-
lieh die Behauptung aufgestellt werden, eine Glaubensgemein-
schaft, wie die jüdische, die ihrer Religion solch unendliche
Opfer gebracht, sei so äußerlich veranlagt, daß sie das Problem,
das dieser Weltkrieg dem Gläubigen aufgibt, weniger schwer
empfinde. Wir meinen, daß uns das Besondere des jüdischen
Gottesbegriffes die Lösung gibt. Dies Besondere aus dem ge-
gewaltigen Erlebnis des Weltkrieges heraus zu beleuchten,
soll die Aufgabe der folgenden Erörterungen sein.
I.
Bekannt ist die Gegenüberstellung von dem ״ Gott der Rache“
im ״ Alten Testament“ und dem ״ Gott der Liebe“ im ״ Neuen“.
״ Der Gott der Rache“ ist natürlich nur eine tendenziöse
Prägung. אל נקמות heißt Gott der Vergeltung. Aber ange-
genommen, es sollte der Psalmist hier wirklich vom Gott
der Rache gesprochen haben — wenn es sich um eine Fest-
Stellung des jüdischen Gottesbegriffes handelt, dann darf man
nicht mit anthropomorphistischen Wendungen operieren. Die
Erhabenheit Gottes über den Menschen ist in unserer ־ Bibel
23