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2. Jahrgang
Dezember 1815
Tebeth 5676“
Heft 12.
Deutsche Treue und jüdische Treue.
Ein Witzblatt brachte vor Jahren ein Doppelbild ״Moses
von Michelangelo und Moses von Pinne״. Die gedrückte und
den Spott herausfordernde Gestalt des osteuropäischen Juden in
Gestalt eines Hausierers mit den Ringellöckchen (die Ver-
Setzung dieser Gestalt nach Pinne zeugte übrigens davon, wie
mangelhaft der Zeichner mit den Bevölkerungsverhältnissen
der deutschen Provinz Posen vertraut ist) nahm sich aller-
dings sehr seltsam neben der Idealgestalt des großen Kunst-
lers aus. Aber wäre, wenn man auf den ״Witz״ der Namens-
gleichheit verzichten wollte, nicht der gleiche Effekt zu erzielen
durch ein Doppelbild: Bismarck in Hamburg von Lederer und
der deutsche Michel in den bekannten Karrikaturen ? ITnd
wenn wir hier der Überzeugung sein dürfen, daß diesen beiden
Gestalten eine wesentliche Eigenschaft gemeinsam ist, die sie
zu deutschen stempelt, auf so mannigfache Unterschiede im
Denken, Eühlen und Wollen auch ihr Äußeres hin weist, so
haben wir das gleiche Recht, eine Brücke zu schlagen zwischen
der ragenden Persönlichkeit des größten aller Propheten und
dem Vertreter einer Bevölkerungsschicht, die scheinbar so gar
nicht die Merkmale des Erhabenen an sich trägt.
Der bildende Künstler kann eben nur eine Seite des in
Wirklichkeit sehr komplizierten Menschen darstellen. Und wie
der Moses von Michelangelo nicht der Moses der Bibel ist, von
dem diese gerade die Eigenschaft einer ungewöhnlichen Be-