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Miscellcn.
Der mi^verstandene Lessing.
Vor mehreren Jahren spielte in einem Städtchen in
Obersachsen, eine herumreisendc Schansviclcrgcsellschaft,
die ihre Bühne aufdemRathhaust ausschlug,wie dieß gewöhn-
!ich in kleinen Städten üblich ist. Die angenehme Unter-
Haltung, welche dieselbe den Einwohnern dieses Stäbchens
gewährte, war ganz dazu geeignet, ihren erweckten Sinn
fürs Schöne, ihren Enthusiasmus für Thaliens Kunst zu
beleben. Ja, es ging sogar so weit, daß der Schauspiel-
-irectcnr eines Tages auf Verlangen eine Oper ohne Musik
anfführcn mußte, indem man gerne, im heiligen Eifer fürs
Erhabene, alle Mängel, die nebenher herrschten, Menschen«
freundlich nicht achtete und den rein - poetischen Geist des
Dichters dem oft alltägliche» Machwerke manches Compo-
nisten , mit Vergnügen verzog. Trotz allem Eifer M
Beförderung des guten Geschmacks würde indessen dennoch
manches nicht so gut gegangen scyn, hatten nicht die Ein-
wohner jüdischer Religion, die Gesellschaft auf alle nur
mögliche Weise unterstützt. Der Dircctcur der Truppe,
gerührt von der Güte dcd tzrößtentheils verkannten Israeliten
beschloß, aus Dankbarkeit ein Stück anfführcn zu lassen,
in welchem Jude» auf eine vortheilhaste Art geschildert
wer«