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Korrespondenzen.
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Debatte beschlossen, einer Petition an das preußische Kultus¬
ministerium Folgendes zu Grunde zu legen: „1. Die Gemeinde¬
verwaltungen sind zu veranlassen, die Ansetzung des jüdischen Re¬
ligionsunterrichts an allen Anstalten, an welchen eine ausreichende
Zahl jüdischer Schüler ist, als integrirenden Bestandtheil des Lehr¬
planes zu beantragen. 2. Die Direktoren und Rektoren der Schulen
sind durch die Vorgesetzte Behörde daraus hinzuweisen, daß sie diesen
Unterricht im Sinne der Ministerialverfügung vom April 1875 be¬
aufsichtigen und nur dann von demselben dispensiren, wenn nach¬
gewiesen ist, daß ein anderer ausreichender Unterricht in der jüdischen
Religion den vispensirten Schülern ertheilt wird. 3. Die Lehrer,
welchen der Religionsunterricht übertragen wird, sollen entweder dem
Lehrkörper als definitiv angestellt zugehören, oder, wo das nicht an¬
gängig ist, Rabbiner oder staatlich geprüfte Lehrer sein. 4. Der
jüdische Religionsunterricht soll in unmittelbarem Anschluß an die lehr-
planmäßigen Stunden ertheilt werden. 5. Die Ausstellung von
Zeugnissen in der jüdischen Religion hat sich auch auf die Reife¬
zeugnisse zu erstrecken."
Dem vor Kurzenl nach Berlin übergesiedelten früheren Vor¬
steher der Synagogengemeinde Oels i. Schl., Kgl. Landmesser
Mendelssohn, ist der Charakter eines Königlichen Rechnungsraths
verliehen worden.
Ueber das Vehmgericht, welches am 16. Juli im „Deutschen
Wirthshause" in der Friedrichstraße stattfinden sollte, berichtete ein
hiesiges Blatt: „Der Verband deutsch-liberaler Antisemiten hatte für
den Abend das folgende erschütternde Programm aufgestellt: 1. Das
chinesische Bauchrutschen als Ansteckungsgefahr für Deutschland. 2. Ent¬
hüllungen eines Schloßphonographen über die wahren Schuldigen am
Falle Kotze-Friedmann und am Scheitern der Berlepsch'schen Hand¬
werkervorlage. 3. Der fraktionelle antisemitische Eiertanz, Miquel's
neueste Häutung und das christlichsozial-katholisch-jüdische Versicherungs¬
geschäft für heiraths- und adelsbedürftige Hebräerinnen." — Um halb
neun Uhr sollte das Vehmgericht seinen Anfang nehmen. Punkt
halb neun Uhr hatte sich der Schreiber dieser Zeilen im „Deutschen
Wirthshause" eingesunden und einen Kellner gebeten, ihm den Ver¬
sammlungsraum zu zeigen. „Das dritte Zimmer," war die Ant¬
wort, „aber es ist noch leer." Wir sagten uns, daß auch ein Vehm¬
gericht nicht unter allen Umständen pünktlich sein müsie, und nahmen
im Gastzimmer Platz. Um neun Uhr machten mir dann den Ver¬
such, in die geheimen Räume des Vehmgerichts vorzudringen. Er
mißlang, das Zimmer war dunkel. Wenn nun auch Vehmgerichte