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3m deutschen Reich.
mitunter im Dunkeln tagten, so ist das doch in der modernen Zeit kaum
der Fall, und wir beschlossen, nachdem wir über etliche Stühle gestolpert
waren, uns bescheiden zurückzuziehen, um in den Hellen Restaurations-
räumen auf den Beginn des interessanten Schauspiels zu warten. Es
wurde halb zehn und wir riskirten wieder die Frage an den Kellner,
ob denn nun wohl die Versammlung ihren Anfang nehme. „Es ist
möglich," erwiderte er, „drei Herren sind schon da." — „Vom
Vorstande?" — „Nein, vom Vorstande nur einer, die beiden
anderen gehören zum Verein." Wir opferten noch eine Viertelstunde,
und als sich der vierte Versammlungstheilnehmer nicht einfand, ver¬
ließen wir in der vielleicht unbegründeten Meinung, daß zu einem
Dehmgericht mehr als drei Richter erforderlich seien, sehr trostlos
den Ort, den wir mit so frohen Hoffnungen betreten hatten. Die
Zeit der Vehmgerichte scheint ihren endgültigen Abschluß gefunden
zu haben."
□ Gleiwitz i. Oberschlesien, 1. Juli. In der hier unter dem
Vorsitz des Sanitätsraths Dr. Freund abgehaltenen diesjährigen Ver¬
sammlung des Synagogen-Gemeinde-Verbandes des Re¬
gierungsbezirks Oppeln beschloß der Verband u. A., dem
„Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" als Mit¬
glied beizutreten. — Der Delegirte zu dem Gemeindetag des Deutsch-
Israel. Gemeindebundes wurde ersucht, in Berlin Schritte bei der
Staatsregierung wegen Einführung des obligatorischen jüdischen
Religionsunterrichts an den höheren Lehranstalten, unter Wahrung
der Gewissensfreiheit des Einzelnen, zu befürworten. — Für die nächst¬
jährige Versammlung des Verbandes wurde Ratibor in Aussicht
genommen.
** Tarnowitz i. Oberschlesien, 1. Juli. Als vor Kurzem der
Kardinal Fürstbischof von Breslau, Dr. Ko pp, sich mehrere Tage
hindurch hier aufhielt und die städtischen Behörden zu Ehren
Sr. Eminenz ein Festmahl veranstalteten, erhielt auch der Rabbiner
Dr. Löwenthal eine Einladung. Der Letztere hat bei der Ankunft
des Kardinals, nachdem zunächst der Bürgermeister von Tarnowitz
eine Ansprache gehalten, Se. Eminenz Namens der hiesigen israelitischen
Bevölkerung in einer Rede begrüßt, welche das hiesige Stadt- und
Kreisblatt später veröffentlichte. Dr. Kopp erwiderte sofort mit herz¬
lichen Dankeswoncn und gab bei dem am anderen Tage abgehaltenen
Festmahle der Absicht Ausdruck, stets hier den Frieden unter den
Bürgern aller Bekenntnisse zu schützen.
(8) Stargard i. P., 3. Juli. Der A n t i s e m i t e n f ü h r e r
Stadtverordneter G ö b l e r aus Gollnow wurde von der hiesigen