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Korrespondenzen.
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Paul Meyer, war von dem „Beobachter" und der „Tagwacht"
nachgesagt worden, er habe einer armen Familie und der erwachsenen
Tochter derselben gegenüber in seltsamster Weise den „Wohlthäter"
zu spielen versucht. Den Redaktionen der beiden Blätter ging kürzlich die
überraschende Mittheilung zu, daß die von dem Beleidigten deshalb
gegen sie angestrengte Klage wieder zurückgenommen worden sei. Die
Gründe, welche die „Schwäbische Reform" für diesen Rückzug
ihres „vorsichtigen" Gesinnungsgenoffen angiebt, werden Niemanden
überzeugen; hoffentlich hat Herr Meyer noch andere. Selbst anti-
semirische Blätter bezeichnen es deshalb als erfreulich, daß nun
der hiesige „Beobachter" den Redakteur der „Schwäbischen
Reform", Bösenberg, verklagte, weil dieser dem Landtags-
abgeordneten Schmidt, welchen er für den Verfasser des gegen
Meyer gerichteten Artikels hielt, „verleumderische Beleidigung" vor¬
geworfen hat. Durch diese Klage wird hoffentlich dem antisemitischen
Redakteur Bösenberg Gelegenheit gegeben, die Angelegenheit Meyer
aufzuklären. Neuerdings behauptete die „Schwäb. Reform", daß der
jüdische Referendar Karl Eßlinger der Urheber der Beschuldigungen
gegen Meyer sei, die dieser selbst an Gerichtsstelle anscheinend nicht
zu widerlegen wagt.
Ffl Karlsruhe, 10. Juli. Der hiesige antisemitische Redakteur
Th. Reuther soll, nach einem Berichte der antisemitischen „Mittel¬
badischen Ztg.", bei einer Versammlung in ernster Gefahr geschwebt
haben. Das genannte Blatt berichtete: „Auf der Fahrt nach Linx
wurde mit Steinen nach ihm geworfen. In Linx selbst kam es zu den
stürmischsten Szenen. Die Gensdarmerie sah sich genöthigt, mit auf¬
gepflanztem Seitengewehr vorzugehen! Kaum hatte Reuther im Gasthaus
„Zum Ochsen" sich niedergelassen, da kamen aus Kehl und Boders-
weiler Männer und Burschen, welche die Versammlung zu vereiteln
suchten. Herr Reuther wurde geschlagen und getreten auf die roheste Art.
Gott sei Dank, daß sogleich die Gensdarmerie zur Stelle war, um sich
des bluttriefenden Mannes anzunehmen. Die Energie des Linxer
Bürgermeisters bewirkte die sofortige Räumung des Lokals. Drei der
Unholde, die sich besonders auszeichneten, wurden verhaftet. Blutige
Köpfe gab es im Laufe des Kampfes eine Menge. Es war ein.
Tumult, ein Radau, wie ihn die ältesten Leute in Linx nie gesehen.
Sehr auffällig war das sofortige Verschwinden der Juden; sie kamen
zum Theil mit dem Schrecken „davon", während einige nebst Helfers¬
helfern gehörig geklopft wurden.. Nach Säuberung des Orts begann
in Linx die Versammlung, da Herr Reuther noch zum Sprechen im
Stande war. Die Versammlung wurde um 10 Uhr aufgelöst." —