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Im deutschen Reich.
Nachträglich sind 14 an dem Tumult betheiligte Personen zu Hast-
und Gefängnißstrafen von 2 bis 14 Tagen verurtheilt worden. —
Das Bezirksamt Kehl hat dem antisemitischen Agitator Reuther ver¬
boten, in zwei nach Hesselhorst und Eckartsweier einberufenen Ver¬
sammlungen zu sprechen, weil sonst Ausschreitungen, wie sie vor
Kurzem in Bodersweiler und Linx vorgekommen sind, Vorkommen
könnten. — Der frühere Reichstagskandidat der Nationalliberalen,
Oberst a. D. Rheinau, hatte bei einer Vorbesprechung der hiesigen
Stadtverordnetenwahlen die Äeußerung gethan, „kein Jude gehöre
auf's Rathhaus; die Juden seien eine internationale, keines Patriotis¬
mus fähige Gesellschaft, welche ein Deutscher und Nationalliberaler
nicht zu einem solchen Ehrenamte • wählen könne." Dies hat die
„Vereinigung badischer Israeliten" veranlaßt, in einem an den
Oberst a. D. Rheinau gerichteten, in badischen Blättern gleichzeitig
veröffentlichten geharnischten Schreiben energisch Verwahrung „gegen
die Unterstellung einzulegen, daß sich die deutschen Israeliten nicht
durch und durch als Deutsche fühlen!"
£ Freiburg in Baden, 1. Juli. Zu der kürzlich hier statt¬
gehabten Stadtverordnetenwahl II. Wahlklasse ging, nach einer Mit¬
theilung der „Freiburger Ztg.", hiesigen Juden nachstehendes Rund¬
schreiben des Wahlkomitees der Centrumspartei zu: „Wir übersenden
Ihnen zunächst unseren Wahlvorschlag für die 2. Klasse, aus welchem
Sie ersehen, daß wir unseren Wählern einen hervorragenden Ver¬
treter Ihrer Konfession, der sich allseitiger Achtung erfreut, zur Wahl
empfehlen. Deshalb dürfen wir wohl erwarten, daß Sie für unsere
Wahlliste Ihre Stimme abgeben und auch nach Möglichkeit im
Kreise Ihrer Glaubensgenossen dahin wirken, unseren Wahlvorschlägen
zum Sieg zu verhelfen. Wir glauben um so mehr berechtigt zu sein.
Ihnen diese Bitte vorzutragen, weil ja die Centrumspartei sich von
jeher der antisemitischen Agitation ferngehalten hat."
X Mainz, 1. Juli. Aus Anlaß seines 25jährigen Amts¬
jubiläums wurden dem Beigeordneten der Stadt Mainz, Geheimen
Kommerzienrath Hermann Reinach, ebenso herzliche als glänzende
Ovationen dargebracht. An dem Festessen in der Stadthalle, bei
welchem der Jubilar zwischen dem Provinzialdirektor Geheimrath
Rothe und dem Oberbürgermeister vr. Gaßner saß, waren die
Spitzen der Civil- und Militärbehörden, überhaupt Alles vertreten,
was hier Namen und Rang hat. In seiner Ansprache an den Jubilar
sagte der Oberbürgermeister: „Glücklich war der Entschluß des Landes¬
herrn, den Hermann Reinach wenige Monate nach seinem Eintritt in
den Gemeinderath in die Stadtverwaltung zu rufen, glücklich die