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Im deutschen Reich.
schächtetem Vieh Verwendung findet. Es ist
Thatsache, daß in den letzten Jahren nur noch eine ganz ver¬
schwindend geringe Anzahl von Thierärzten und nur äußerst
Wenige Thierschutzvcreine sich gegen das Schächten erklärten,
während die meisten dieser Vereine sich auf den Standpunkt der
für die rituelle Schlachtmethode abgegebenen zahlreichen Gutachten
stellten, welche im Jahre 1894 in einer bei Emil Apolant
erschienenen Sammlung der Oeffentlichkeit übergeben worden sind.
In der Schweiz sind neuerdings und zwar insbesondere in den
katholischen Kreisen zahlreiche Stimmen laut geworden, welche unter
Hinweis auf die Verhandlungen des deutschen Reichstages und des
badischen Landtages eine Aufhebung des Schächtverbots angeregt
haben. Auch im Königreich Sachsen dürfte die Stellungnahme
des katholischen Centrums nicht ohne nachhaltigen Eindruck
geblieben sein, zumal dort der früher von Freunden des Schächt¬
verbots zugegebene Nebenzweck, durch dasselbe den Zuzug ausländischer
Juden zu verhindern, sich als verfehlt erwiesen hat, außerdem die
sächsischen Fachmänner, welche die Einführung des Verbotes seiner
Zeit befürwortet haben, von der Bildfläche verschwunden sind und
sich jetzt selbst in Sachsen kaum noch Sachverständige finden würden,
die ihre wissenschaftliche Autorität durch ein Gutachten gegen das
Schächten gefährden möchten.
Um so bedauerlicher ist es, daß der Berliner Thier-
schutzverein, welcher die kräftigste Unterstützung bei allen
echten Thierschutzbestrebungen verdient, sich dazu mißbrauchen läßt,
einen neuen Vorstoß der antisemitischen Menschenquäler dadurch
zu ermöglichen, daß er neuerdings wieder die von berufener
Seite gründlich widerlegte Behauptung der „Thierquälereien
bei dem Schächten" verbreitet. Der edle Zweck des Thierschutzcs
würde wahrlich weit besser gefördert, wenn sich der Berliner
Thierschutzverein auf Gebieten bethätigte, wo wirklich Thiere des
Schutzes bedürfen, wenn er gegen die Grausamkeiten, welche so
häufig von Sonntagsjägern verübt werden, gegen den Sport des
Taubenschießens, gegen Parforce- und Hetzjagden u. a. ähnliche
Dinge energisch Front machte, statt die Zwecke einer Partei
zu fördern, welche die Maske des Thierschutzes gebraucht, um
eine Agitation fortzusetzen, die als das Gegentheil der Humanität
betrachtet werden muß. Scheut sich diese Partei nicht, die