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Antisemitischer Thierschutz.
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freie Religionsübung von Tausenden anzutasten, welche gleichviel
ob mit Recht oder Unrecht die Heilighaltung der Speisegesetze für
ihr Seelenheil unentbehrlich halten, so ist es wahrlich nicht die
Aufgabe eines Thierschutzvereins, bei solchen aller Sittlichkeit Hohn
sprechenden Bestrebungen den Helfershelfer zu machen. Das aber
Lhut er — wir wollen zur Ehre der Leiter des Berliner Thier¬
schutzvereins annehmen — unbewußt, wenn er den Antisemiten
Mittel und Wege schafft, ihre zum Stillstand gebrachte Agitation
gegen das Schächten wieder aufzunehmen.
Wie weit dabei die Leiter des Vereins vom rechten Weg
abgeirrt und in das Garn der Antisemiten gerathen sind, zeigt
folgendes von ihnen an zahlreiche jüdische Thierfreunde ver¬
sandte Rundschreiben:
Wir bitten unsere israelitischen Mitbürger, welche mit der
nachstehenden öffentlichen Erklärung einverstanden sind, dieselbe
zu unterschreiben und an unsere Geschäftsstelle: H. B e r i n g e r,
Berlin SW., Königgrätzer Straße 108 , einsenden zu
wollen.
Ter Vorstand des Berliner Thierschutz-Vereins
(zur Bekämpfung der Massenthierquälerei im Deutschen Reich).
Tr. Langmann, H. Geringer,
Vorsitzender. Geschäftsleiter.
Oeffentlichd Erklärung.
An den letzten Dezennien har in Deutschland wie in andern
Ländern, in Dänemark, Schweden, Oesterreich, Frankreich, der
Schweiz und Rußland, eine Bewegung immer mehr an Aus¬
dehnung und Stärke gewonnen, welche die veralteten grausamen
Schlachtarten abzuschaffen trachtet.
Tie Erwägung, daß die Schlachtarten für ein Kulturvolk
eine Schande, für die Volkssitten eine Gefahr sind und daß sie
die sittlichen Anschauungen der Mehrheit der Ration verletzen,
hat viele deutsche Regierungen veranlaßt, diese Schlachtarten
zu verbieten und anzuordnen, daß alle Schlachtthiere nur nach
vorheriger Betäubung, mittelst Kopfschlages, Schlachtmaske oder
Schußapparates getobte! werden dürfen.
Alle Staatsbürger haben diese Verordnungen zu befolgen
mit alleiniger Ausnahme der Juden. Rur das Königreich Sachsen
und die Schweiz haben diese Ausnahme nicht gemacht und damit
dargethan, daß sie für ihre israelitischen Staatsbürger kein
anderes Sittengesetz anerkennen als für ihre christlichen.
Wir erklären nun, daß wir-diesen Standpunkt allein ent¬
sprechend erachten der bürgerlichen Gleichstellung der Bekenner
aller Konfessionen und daß wir es als eine Kränkung unseres
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