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3m deutschen Reich.
sittlichen Bewusstseins erachten, wenn uns Juden das zu thun
ausdrücklich gestattet wird, was bei unseren christlichen Mit¬
bürgern als ein Verstoß gegen das Moralgeseb bestraft wird.
Sollte man dem entgegenhalten, daß die Moralbegriffe sich
mit den wechselnden Kuliurzuständen ändern, die Religion und
ihre Gebote aber unveränderlich sein müssen, so verweisen wir
auf alle jene im Mosaischen Gesetze enthaltenen Gebote, die, weil
mit den sittlichen Anschauungen der heutigen Kulturwelt nicht
mehr im Einklang, auch für den strenggläubigen Juden ihre
verbindliche Kraft verloren haben.
Der Hinweis auf die Gutachten einer Anzahl Physiologen
und Schlachthausverwalter, welche in dem Halsschnitt ohne vor¬
herige Betäubung ein thierguälerisches Schlachrverfahren nicht
erkennen wollen — denen aber viel zahlreichere Fachleute, ja
ganze Fachkorporationen von Provinzen und Staaten wider¬
sprechen — kann in der Sache selbst nichts ändern, da es sich
beim Schächten, besonders auf dem Lande, wo geeignetes
Personal und zweckmäßige.Legevorrichtungen fehlen, um viele
thierguälerische Akte und nicht allein um den Schächtschnitt
handelt und da der Eindruck des Schlichtens, besonders des un¬
vermeidlichen Nachschneidens der sich schließenden Blutgefäße,
auf den Menschen ein Entsetzen und Abscheu erregender ist.
Wir erachten es als hohe Zeit, einen rituellen Gebrauch auf¬
zugeben, der in Widerspruch steht mit dem sittlichen Empsinden
unserer Mitbürger nnd der daher mehr als irgend ein anderer
Gegensatz geeignet ist, uns als fremden Bestandtheil im .uörper
der Nation, der wir angehören und mit der wir in Frieden
zusammen leben wollen, empsinden zu lassen.
Daß die nur in antisemitischen Bereinigungen bemerkbare
Bewegung irgendwo außerhalb dieser Kreise an Ausdehnung ge¬
wonnen hat, ist eine völlig unbegründete Behauptung. Ebenso
haltlos ist die weitere Behauptung, daß die Betäubung der Thiere
vor der Schlachtung irgend welchen Einstuß auf die sittlichen An¬
schauungen eines Volkes hat; die Kriminalstatistik des Königreichs
Sachsen und der Schweiz seit der Einführung der dortigen Schächt-
verbote bieten dafür wenigstens keinen Anhalt. Daß beide Staaten
für ihre israelitischen Staatsbürger kein anderes Sittengesetz
als für ihre christlichen anerkennen, ist löblich; aber in anderen
Staaten ist dasselbe der Fall und das sittliche Bewußtsein
erleidet keine ernstliche Kränkung dadurch, wenn die Tödtung einer
Ochsen, ebenso wenig wie die eines Hirsches oder Rehes, ohne
vorherige Betäubung erfolgt. Wie weit die im mosaischen Gesetze
enthaltenen Gebote mit den sittlichen Anschauungen der heutigen