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Umschau.
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fahnmgen, welche der katholische Klerus mit der „Los von Rom-Be¬
wegung" in Oesterreich, die österreichische Regierung mit dem
Deutschenhaß der galizischen „Schlachta" und der Czechen, die Christlich-
Sozialen aber durch die Angriffe der „Alldeutschen" und diese selbst
durch den Zwist zwischen den Abgeordneten K. H. Wolf und Schönerer
täglich machen. Der Schmutz, der dabei aufwirbelt, widert sogar deutsche
Antisemiten an, die bisher gewohnt waren, ihre erfolgreichen öster¬
reichischen Gesinnungsgenossen zu verherrlichen; selbstverständlich nicht
jene Geschäftsantisemitcn, die nur deshalb noch in Deutschland eine
Rolle spielen, weil sich unter ihren Parteigenossen kein „Schalk" oder
„Schönerer" gefunden hat, ihnen die Maske vom Gesicht zu reißen.
Die „Staatsbürger-Zeitung" und die „Deutsche Wacht" äußern
ihre Betrübniß über die Enthüllungen Hlavitschkas bezüglich der
„Ostdeutschen Rundschau" und des Zuckerkartells, über die fast
vernichtende Anklageschrift Anton Sckalks und der Schönererschen Organe
gegen K. H. Wolf. Das Berliner Antisemitenblatt sagt: „Wann werden
endlich einmal die Deutsck'en in Oesterreich einig sein gegen den gemein-
samen Feind?" Der Vorwurf der Ehrlosigkeit müßte seiner Meinung nach
eigentlich unter judenfeindlichen Kameraden „janz ejal" sein ! Bei diesen
Schmerzergicßungen bricht sogar die „teutsche" Wahrheitsliebe durch
und klingt in den Worten wieder: „Wenn Wolf ein Volksbetrüger
ist, so sind es die um Schönerer nicht minder, die ihn so
lange gewähren ließen und ihre Mandate zum guten Teil
der leidenschaftlichen Agitationsarbeit Wols's verdanken".
Die deutschen Antiscmitenblätter drucken mitleidig die naive Selbft-
vertheidigung Wolfs gegen den Vorwurf eines „hohen Grades sittlicher
Verkommenheit" ab: „Meine Beziehungen zu der betreffenden
Dame bejän'änken sich auf einen einzigen unglückseligen Augen-
blick, und ein Brief der Dame konstatiert ausdrücklich, daß seither
mein Benehmen gegen sie ein völlig korrektes war. Alle sich er¬
gebenden Verwickelungen stellen sich anders dar, als wenn man sie
lediglich mit den Augen des Haffes oder einer schielenden Moral¬
heuchelei betrachtet. Pharisäer freilich, welche aus der Sache eine
„Affaire" machen wollen, denken anders." W'e anders pflegt die
Autiscn ilenpreffe zu ^urtheilen, wenn ein Lüstling der angeblich
„sinnlichen Rasse" einmal „einen unglücklichen Augenblick" erlebt
und den Antisemiten, die doch die Pharisäer Haffen. Gelegenheit zur
„schielenden Moralheuchelci" giebt! — Ebenso wie die nähere Be¬
kanntschaft mit den sittlichen Qualitäten bisher hochgesinnter anti¬
semitischer Führer trägt das Bekanntwerden der Art der Kampfmittel
gegen die Juden dazu bei, den antisemitischen Rausch eines großen