Seite
m
Jin deutschen Reich.
Theils der österreichischen Bevölkerung zu vertreten. Einen recht tiefen
Eindruck macht in Wien die gegen einen Katholiken erhobene
Beschuldigung der rituellen Blutabzapfung. Der l k. Ober-
Baukomiuisfär Ingenieur Arnold Schwamberg hatte sein Dienst¬
mädchen Aloisia Jro, das bei ihm vom 6. Februar bis ,0. Mai in
Dienst stand, wegen Ueberschreitung der Ausgangszeit entlassen. Als
er das Mädchen bei der Polizei abmeldete, erfuhr er, daß gegen ihn
die Strafanzeige des Werkführers Wenzel Pötscher vorliege, er habe
dem Mädchen zu rituellen Zwecken Blut abgezapft. Herr Schwam¬
berg, der Christ ist, ließ die Verleumdungsklage durch seinen Vetter,
den bekannten antisemitischen Advocaten l)r. Bincenz Raben-
lechner, einreichen, der in der Verhandlung am 5. Juni, nach¬
dem der Polizeiarzt erklärt hatte, daß die angeblichen Verwundungs¬
spuren von einem Ausschlage herrühren, Herrn Wenzel Pötscher als
„Provisionsagent für Ritualmorde" bezeichnete. Das Vor¬
handensein dieser Berufsklasse ist also offenbar dem antisemitischen Herrn
Rabenlechner nicht zweifelhaft. Fast an demselben Tage gestand vor
dem Sti africhter des Bezirksgerichts Landstraße Wien das Dienstmädchen
Franziska Soukup ein, ihren Eltern ein „Ritualmordmärchen"
nur zu dem Zwecke aufgetischt zu haben, um aus dem ihr zu schweren
Dienst bei dem Fleischer Spitzer treten zu dürfen. Wenige Tage vor¬
her hatte sich in der Stadt Äuttentcr^ durch das Dienstmädchen
Anna Resper eine Blutabzapfungsgeschichte verbreitet und die seit
der Polnaer Affaire für derartige Gerüchte sehr empfängliche dortige
Bevölkerung in Aufregung versetzt. Als die Polizei das Mädchen vom
städtischen Arzte untersuchen ließ, konstatierte dieser, daß das angebliche
Opfer einer Ritualabzapfung an zwei Stellen am Arme Spuren von
— Wanzenbissen aufwies. — Der Tiefstand der Kultur, von dem
alle solche Vorkommnisse zeugen, erklärt das Fortwuchern der anti¬
semitischen Sumpfpflanzen, schädigt aber das Gedeihen der gesamten
Volkswohlsahrt in unglaublicher Weise.
Wie zerrüttend die kulturfeindliche Seuche wirkt, wo rohe
Selbstsucht unter dem Deckmantel angeblicher nationaler Begeisterung
jede Spur von Menschlichkeit verleugnet und die Leiter des Staates
von antisemitischen Anarchisten sich leiten lassen, zeigt sich am deut¬
lichsten in Rumänien. Dem französischen Publizisten Bernard
Lazare, der dieses Land kürzlich behufs Studiums der rumänischen
Judenhetzen bereiste, bereiteten die Bukarester Inden einen sympathischen
Empfang, der aber den Charakter vollkommener Harmlosigkeit trug.
In einem Manifeste- das von blutigen Jnvektiven gegen die Juden
strotzte, lud darauf das Komitee der Studentenschaft die studierende