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Hm deutschen Reich.
Korrespondenzen.
# Berlin, 21. Juni. Auf Verfügung des Provinzialschul¬
kollegiums sollte am 15. Mai d. Js. in allen hiesigen Gemeinde-,
Privat, und städtischen höheren Tochterschulen eine genaue Uebersicht
der diese Anstalten besuchenden jüdischen Kinder nach Jahrgängen
und Klassen aufgestellt werden. Dem Vernehmen nach ist diese An¬
ordnung ergangen, um die Anzahl der religionsunterrichtspflichtigen
Kinder festzustellen.
In der „Deutschen Revue" widmet der bekannte - christliche
Theologe D. M. Schwalb aus Anlaß der Veröffentlichung eines
Bosse'schen Briefen, in dem der frühere preußische Kultusminister
„die Religion für wichtiger bezeichnete als Dogma", dieser Aeußerung
eine intereffante Betrachtung. Die Berliner „Volkszeitung" macht
darauf aufmerksam, daß Schwalb daher die Erklärung abgiebt die
von Bosse ersehnte „Theisten- Gemeinschaft" sei eigentlich schon vor¬
handen, aber Bosse hat davon nichts gewußt oder wissen wollen.
Schwalb schreibt: „Uebrigens giebt es ja in der Welt — und
merkwürdig ist es, daß Dr. Bosse gar nicht daran zu denken schien —
ungefähr seit dreitausend Jahren eine ziemlich große rein
theistische Gemeinde. Sie ist, obwohl unter allen Völkern zer¬
streut und nur mit einem Minimum von kirchlicher Organisation aus-
gestattet, durch ihren gemeinsamen, streng theistischen Glauben und
durch einige alte Riten und Gebräuche sowie durch geschichtliche Er¬
innerungen und Sagen • sehr fest verbunden. Im Laufe der Jahr-
Hunderte hat sie zahllose Märtyrer hcrvorgebracht und unsäglich viel
auch wegen ihres religiösen Bekenntnisses ei litten. Genannt zu
werden braucht diese Gemeinde nicht. „Nomina sunt odiosa
Wenn aber einmal in dieser alten und altersschwach gewordenen Ge¬
meinde irgendwo, was immerhin denkbar und möglich ist, der Geist
ihrer großen Propheten, der überall und in jeder Zeit da weht,