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Im deutschen Reich.
daß die „Humanität" in der Zeit und im Geiste Schillers am 21. Novem¬
ber 1802 in Kassel gegründet wurde. Hundert Jahre hindurch war die
Gesellschaft eifrig bestrebt, durch Wohltun, durch Erziehung, Förderung
und Unterstützung von Talenten der bürgerlichen Gesellschaft tüchtige und
brauchbare Menschen zuzuführen. Eine lange Reihe von Handwerkern,
Technikern, Lehrern, Gelehrten und Künstlern wurden während der Zeit
ansgebildet oder erheblich gefördert. Zur Zeit der Gründung regierte
Landgraf Wilhelm IX.; der erste Direktor der Gesellschaft war der
Arzt und Philosoph Lucius Liffmaun. Weiter teilte Redner mit, daß
ein Wohltäter, der nicht genannt sein will, der Gesellschaft 6000 Mk.
zur Hundertjahrfeier geschenkt hat mit der Bestimmung, daß mit den
Zinsen arme, invalide Handwerker aus der Provinz Hessen-Nassau
unterstützt werden sollen. Das Vermögen der Gesellschaft beträgt
gegenwärtig 47 200 Mk., die Mitgliederzahl 327. Nach dem Vortrage
eines Männerquartetts ergriff Landrabbiner Dt. Prager das Wort
zu einer eindrucksvollen Festrede. Er sprach von der Humanität
im biblischen Sinne und schloß mit einem ergreifenden Gebet. Sodann
hielt der Oberpräsident Gras Zedlitz-Trütschler eine Ansprache,
in der er u. a. sagte: „Es war mir in besonderem Maße erfreulich,
daß man die Ideale pflegt auf dem Boden des Gotteswortes, unter-
göttlicher Auffassung des Menschenberufes. Auch das auszusprechen
als Mensch ist mir in diesem Kreise und bei dieser Feier Bedürfnis,
und so möge denn die Gesellschaft „Humanität" weiter blühen und
gedeihen/' An die ernste Feier schloß sich in den Räumen des
Eentralhotels ein begangenes frohes Fest.
co Hamburg, 1. Februar. Das Organ der Hamburg-Altonaer
Autisemiten, das „Deutsche Blatt", sieht sich zu nachstehender Richtig¬
stellung veranlaßt: „Zu den Angaben über den Geraer Aerztestreik,
welche der „Staatsb.-Ztg." von einem dortigen Fachmann gemacht
worden waren, schreibt uns ein hiesiger Arzt: Sehr geehrte Schrift¬
leitung! In Ihrer Nummer vom 21. Januar steht eine Notiz über
den Aerckestreik in Gera, die tendenziös entstellt ist. Ich bitte Sie
darum, die Angelegenheit zu berichtigen. Tatsache ist, daß der Aerzte-
steeik in Gera durch lieb ergriffe der Kasse gegen die Aerzte entstanden
ist. Die Aerzte haben sich in den Verhandlungen mit der Kasse bei¬
nahe zu großer Rücksichtnahme befleißigt, konnten aber dem dolosen
Vorgehen der Kasse gegenüber nicht anders handeln. Daß unter dem
dortigen Aerzteverein auch einige Juden sind, ändert an der Sachlage
gar nichts, da wir einen großen Prozentsatz Israeliten unter unseren
Standesgenossen haben. Hochachtend usw."