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Im deutschen Reich.
erstattete über den Vorfall Anzeige; durch Vermittelung einiger
Personen wurde aber eine friedliche Einigung zwischen Baum und
Schmid erzielt; letzterer Unterzeichnete drei Erklärungen, wobei er auch
die Anzeige an die Gendarmerie als unwahr zurücknahm und einen
Widerruf in der Zeitung veröffentlichte. Man hatte sich dann zu
einem Freundschaftstrunke im „Fränkischen Hof" zu Nordheim ver¬
sprochen^ und hier behauptete Schmid wieder, es sei doch so: der
Vergleich sei ihm abgezwungen worden. Im Interesse seiner
Kundschaft erholte nun Baum ein Sühnezeugnis, um die Sache
zum gerichtlichen Austrage zu bringen. In der landgerichtlichen
Sitzung dahier am 22. Januar 1902 beschwor unter anderem
Aron Baum, er habe noch nie in sein Schlachthaus uriniert
oder das Fleisch verunreinigt. Die Tiere seien immer in einer
Rinne des Schlachthauses, nicht aber auf Hölzern gelegen. Schmid
wurde daher wegen falscher Anschuldigung und verleumderischer
Beleidigung zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Das Urteil hat
Rechtskraft erlangt; Schmid aber bat um Strafaufschub. Er sammelte
Zeugen zum Beweise seiner Behauptung mit dem Erfolge, daß Baum
wegen dringenden Verdachts des Meineids in Untersuchung gezogen
und alsbald verhaftet wurde. Gegen Hinterlegung einer Kaution von
5000 Mk. auf freien Fuß gesetzt, wurde Baum wegen Kollusions¬
gefahr auf Beschwerde des Staatsanwalts schließlich wieder verhaftet.
Von dem Schwurgerichte Würzburg wurde Baum am 1. Oktober 1902
auf Grund der eidlichen Aussagen von dreiZeugen, diebehaupteten, gesehen
zu haben, wie Baum im Schlachthause uriniert habe, und der des
Angeklagten Schmid, der beobachtet haben will, wie Baum das Fleisch
verunreinigt habe, wegen Meineids unter Ausschluß mildernder Um¬
stände zu 1 Jahr 6 Monat Zuchthaus, 5 Jahren Ehrenverlust und
dauernder Eidesunsähigkeit verurteilt. Schmid forderte nun zwecks
Freisprechung Wiederaufnahme des Verfahrens, welchem An¬
suchen das Gericht stattgab. Zur Verhandlung am 28. Januar waren
nicht weniger als 49 Zeugen geladen. Die Vernehmung des gewaltigen
Zengenmaterials währte mit einer Unterbrechung am Mittag von 9 Uhr
Vormittags bis Abend 8 Uhr. Die Verhandlung wurde hierauf
unterbrochen. Unter ungeheurem Andrang des Publikums wurde
am 29. v. Mts. die Verhandlung fortgesetzt. Nach Schluß der
Beweisaufnahme erhielt der k. Staatsanwalt das Wort. Als vor
etwa Jahresfrist die erste Verhandlung in dieser Sache hier statt¬
gefunden, sei insbesondere von dem „Deutschen Volksblatt" und von der
„Neuen Bauer. Landeszeitung" die Staatsanwaltschaft angegriffen worden.
So habe es z. B. geheißen, „den Juden habe man alles geglaubt, den