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Korrespondenzen.
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Christen garnichts"; „wenn Schmid wegen Majestätsbeleidigung an¬
geklagt gewesen, wäre er besser weggekommen., als bei einer Juden¬
beleidigung", während doch bei einer Majestätsbeleidigung die Miniwal¬
strafe 2 Monate, bei einer verleumderischen Beleidigung aber nur
1 Monat sei; ferner „die Sache sei rein persönlich privater Natur, die
gehörte vor das Schöffengericht, da hätte doch Schmid Berufung ein-
legen können" u. dgl., während doch außer dem Landgericht höchstens
das Schwurgericht zuständig sei. Der Staatsanwalt schilderte das
ganze Gebühren des Schmid, der sich so oft widersprochen habe. Die
Aussagen Schmids seien nicht glaubwürdig. Der Antrag ging dahin,
das erste Urteil mit 6 Monaten zu belassen. Rechtsanwalt Werner,
Verteidiger des Baum, stellte die Glaubwürdigkeit der Entlastungszeugen
in Frage und gab noch einmal ein umfassendes Bild von dem Ergebnis
der Verhandlung; der Verteidiger des Schmid, R.-A. Dr. Jessenberger
von Neustadt a. S. fand es eigentümlich, daß die Staatsbehörde mit
der Anregung der Wiederaufnahme des Verfahrens ihm zuvorgekommen
sei. Er beantragte Freisprechung seines Klienten. Nach V^stündiger
Beratung verkündigte das Gericht abends 9 Uhr folgendes Urteil: Das
Urteil des k. Landgerichts vom 22. Januar 1902 wird aufgehoben.
Der Angeklagte Schmid wird von einem Vergehen der falschen An¬
schuldigung freigesprochen. Dagegenist erschuldig einesVergehens
der üblen Nachrede und wird deshalb in eine Gefängnisstrafe
von 1 Monat verurteilt. Dem Baum wird die Befugnis zu¬
gesprochen, den Tenor des Urteils zu veröffentlichen. Die
Kosten werden zu zwei Drittel der Staatskasse, ein Drittel dem An¬
geklagten überbürdet. Letzterer hat auch die entsprechenden dem Neben¬
kläger erwachsenen Kosten zu ersetzen. Das lange Warten des An¬
geklagten mit feiner Nachrede, der Widerruf, die Zurücknahme der
Anzeige, der Vergleich, der Fortbezug des Fleisches ließen die Glaub¬
würdigkeit seiner Behauptungen nicht zu; ferner konnte von keinem
Zeugen das Verunreinigen des Fleisches nachgewiesen werden. Mit
Rücksicht aus die Schwere der Beleidigung glaubte das Gericht auf
eine Freiheitsstrafe erkennen zu müssen.
X Leipzig, 3. Februar. Das Reichsgericht hat die Revision
des Grafen Pückler und des Inspektors Kirchner in Kl.-Tschirne
verworfen, welche am 19. Juni v. Js. vom Landgericht Glogau wegen
Zerstörung einer Feldbahn zu 6 Wochen bezw. 1 Monat Gefängnis
verurteilt wurden. Dasselbe widerfuhr der Revision des Staatsanwalts
zugunsten der Angeklagten; ferner der Revision, derselben Angeklagten
gegen das Urteil des gleichen Landgerichts vom September -v. Js.,
durch welches sie wegen Herausforderung zum Zweikampf bezw.