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564 Im deutschen Reich.
Die deutsch-soziale Partei (Liebermann von Sonnenberg, Schack,
Lattmann, Graf Reventlow) bezeichnet
„das stammfremde jüdische Volk"
in ihrem jetzt gütigen Programm als „Träger der Zersetzung" und
will auf dem bevorstehenden Parteitage diese Wendung durch die
Worte „Förderer der Zersetzung" ersetzen, auch hinzufügen, daß
das Judenthum „unserm Volksstamm bereits seinen zersetzenden Geist
aufgedrängt habe". Wenn auch in ihren Forderungen die Liebermann'sche
Richtung das „Fremdenrecht" nicht besonders betont, so kayn es doch
keinem Zweifel unterliegen, daß dies Fremdenrecht nach wie vor¬
der Trennung von den anderen Antisemiten ihr politisches Ideal ge¬
blieben ist. Wenigstens haben sowohl v. Liebermann wie der Führer
der „deutschnationalen" Handlungsgehilfen, Wilhelm Schack, ihren
Judenhaß stets mit Emphase zur Schau getragen, und hat besonders
der letztere die Verdrängung der Juden aus dem Handelsstande als
das Ziel der von ihm geleiteten Bewegung erklärt.
Beide Richtungen stimmen darin überein, daß sie die Rechts¬
gleichheit nicht als eine wesentliche Grundlage des modernen Staates
ansehen, daß sie vielmehr die Grundrechte des Bürgers — seine
politischen Ehrenrechte, sein Recht auf Teilnahme an Beamtenrechten,
sein Zeugnißrecht, sein Recht auf freien Aufenthalt und freie Berufs¬
wahl — abhängig machen wollen von gewissen konfessionellen und
Abstammungsrücksichten. Dies und nichts anderes ist unter dem
Ausdruck „Fremdenrecht" zu verstehen. Unser Staat ist aber kein
Staat der Glaubenseinheit und auch kein national einheitlicher Staat
mehr. Er ist emporgewachsen und aufgeblüht erst, seitdem alle Kräfte
zusammengefaßt worden sind im Interesse des Vaterlandes. Dänen,
Polen, Wenden und Franzosen sind bei der Mitarbeit an dem ge¬
meinsamen Wohle gleich willkommen, wenn sie nur auf dem Boden
der Verfassung stehen. Und keine religiöse Bekenntnisformel verschließt
dem Protestanten oder dem Katholiken, dem Mennoniten oder dem
Juden, ja selbst dem Atheisten den Zugang zu den staatlichen Rechten,
wie ja auch die staatsbürgerliche Pflicht vor der Schwelle keiner
Religionspartei Halt machen kann und darf.
In diesem Punkte unterscheidet sich die Antisemitenpartei von
allen anderen politischen Parteien. Alle anderen Parteien erstreben
die Erhaltung bewährter oder Besserung schlecht bewährter Ein¬
richtungen — die Antisemitenpartei erstrebt die Entfernung von
Bürgern aus dem Staate. Bekämpfen andere Parteien bestimmte
Persönlichkeiten, so tun sie es wegen der Taten oder Unterlassungen
die sie ihnen persönlich zur Last legen; der Kampf der Antisemiten