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Im deutschen Reich.
Korrespondenzen.
Berlin, 10. Oktober. Die Einstellung der Einjährig-
Freiwilligen jüdischen Glaubens erfolgte laut Verfügung des
Generalkommandos des Gardekorps in diesem Jahre wegen des auf den
1.Oktober fallenden Versöhnungstages erst am2.Oktober. Der Vorstand
der hiesigen jüdischen Gemeinde war bereits Ende Juli d. Js. bei dem
Generalkommando dahin vorstellig geworden, zu veranlassen, daß bei den
zum Kommando ressortierenden Truppenteilen die im diesjährigen Herbst
eintretenden jüdischen Einjährig-Freiwilligen am 1. Oktober dienstfrei
bleiben. In seiner Eingabe wies der Vorstand darauf hin, daß die
Notwendigkeit, an dem heiligsten jüdischen Feste, den Heeresdienst be¬
ginnen und dem Gotteshause fernbleiben zu müssen, zahlreiche Ein¬
jahrig-Freiwillige jüdischen Glaubens in drückende Gewissensnot ver¬
setzen würde. Schon nach acht Tagen ließ der zur Vertretung des
Chefs des Generalstabs kommandierte Generalmajor Schickfus den
Bescheid an den Gemeindevorstand gelangen, daß „die Truppenteile
die betreffenden Einjahrig-Freiwilligen, sofern diese direkt
den Wunsch nach Dienstbefreiung äußern, vom Dienst be¬
freien können". Daraufhin hat sich Rabbiner Dr. Maybaum als
Vorsitzender des Rabbinerverbandes an das Kriegsministerium mit
dem gleichen Ersuchen um Dienstbefreiung am ]. Oktober für die zu
diesem Termin eintretenden jüdischen Einjährigen des ganzen Reiches
gewendet und folgende Antwort erhalten: „Euer Hochehrwürden teilt
das Kriegsministerium ergebenst mit, daß die Generalkommandos
im Sinne des dortseitigen gefälligen Schreibens vom September 1903
benachrichtigt worden sind".
Der von dem Oberlehrer O. Spruch vom Realgymnasium in
Charlottenburg herausgegebene „Berliner Schulkalender"
enthält u. a. auch Angaben über das Religionsbekenntnis der Schüler
der höheren Lehranstalten in Berlin und den Vororten. Die anti¬
semitischen Blätter entnehmen daraus, daß das Wilhelms-Gymnasium