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Im Deutschen Reich.
nämlich Wohltäter der Arbeiterkolonie Schenkungen und letztwillige
Zuwendungen in beliebiger Höhe gewähren, ohne daß ein nicht un¬
beträchtlicher Teil (4 %) dem gewollten Zwecke entfremdet wird. Die
Aufgaben der Arbeiterkolonie sind über den von den Leitern selbst
gezogenen Rahmen weit hinausgewachsen. Statt der für 1903 ver¬
anschlagten Besetzung mit durchschnittlich 50 Mann ist eine solche
von 70 Kolonisten zu verzeichnen. Hinzu kommen noch durch mehrere
Wochen neun Flüchtlinge aus Kischmew. Es ist bisher gelungen, allen
Schützlingen Beschäftigung zu verschaffen. Für den Verein bestimmte
Geldsendungen und Zuschriften sind an das Bureau des Deutsch-
Israelitischen Gemeindebundes, W., Steglitz erste. 85, zu adressieren.
Beabsichtigte Naturalienspenden, besonders die sehr erwünschte Zu¬
wendung von gebrauchten Kleidungsstücken, wolle man der Jüdischen
Arbeiterkolonie in Weißensee, Wörthstr. 20 (Telephon-Nr. 192), direkt
melden. — Die „Staatsbürger-Zeitung" bemängelt auch dieses wohl¬
tätige Institut durch nachstehende Bemerkung: „Wenn man nur
endlich einmal praktische Erfolge dieser angeblichen Erziehung der
Juden zur Arbeit sähe! Ab^r bis jetzt sind unseres Wissens unter
den rund hunderttausend Juden Berlins wirkliche Arbeiter nicht vor¬
handen. Vielleicht kann ums der „Central-Verein" darüber Auskunft
geben." — Dazu fühlen wir uns nicht veranlaßt, denn wenn wir auch
dem Antisemiten-Moniteur die genaueste jüdische Arbeiter-Statistik
liefern wollten, würde er voraussichtlich versuchen, einen Unterschied
Zwischen „wirklichen" und „nicht wirklichen" Arbeitern zu
konstatieren, um sich seine traurige Arbeit nicht verderben zu lassen.
„Geschäftsantisemiten" wollen nicht belehrt sein und sind nicht zu be¬
lehren. Uns genügt, daß jeder Vorurteilslose davon Kenntnis hat, daß
unter den Juden Berlins eine sehr große Zahl von Arbeitern vor¬
handen ist und daß in den verschiedensten Zweigen des Handwerks die
Juden sich sehr gut und vielfach auch recht erfolgreich betätigen.
Die Enthüllung des Richard Wagner-Denkmals hat der
stoffarmen Antisemitenpresse Gelegenheit gegeben, die Juden als Gegner
des bedeutenden Tonkünstlers darzustellen, und zwar nur deshalb,
weil einige nichtantisemitifche Blätter sich abfällig über die Ausführung
und über die Art der Einweihung des Denkmals geäußert haben.
Wenn Wagner in seiner Jugend aus Eifersucht auf die Erfolge
Mendelsohns und Meyerbeers gegen „das Judentum in der Musik"
schimpfte, so hat er später den Nutzen jüdischer Freunde (Hofkapell¬
meister Levi, Davidsohn vom Börsen-Courier u. a. m.) sehr zu schätzen
gewußt. Daß ihn die „Staatsbürger-Zeitung" als Gesinnungsgenossen
reklamiert, ist die Strafe für seine literarischen Jugendsünden. Für