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Im deutschen Keich.
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Erschein! zwölfmal im -shr».
X. AaSrg. Berlin. Mäcz 1904. Kr. 3.
ßschwege-SchmalLalden.
Bei den Reichstagswahlen ist es, wie unfern Lesern bekannt
fein wird, im Wahlkreise Eschwege-Schmalkalden zu einer Stichwahl
zwischen dem Antisemiten Raab und dem Sozialdemokraten Hugo ge¬
kommen. In der Hauptwahl waren Stimmen abgegeben:
für den Konservativen. ..3519
„ „ Kandidaten der Freif. Dolkspartei . 4089
» „ Antisemiten. 4552
„ „ Sozialdemokraten. 5837
Bei Zugrundelegung der obigen Ziffern ist die Annahme nahe¬
liegend, daß der Antisemit unterlegen wäre, wenn die Stimmen der
Freis. Boikepartei bei der Stichwahl «uf den Sozialdemokraten ver¬
einigt worden wären. Wir hatten als seltstoerständlich erachtet, daß
die Leitung der Freisinnigen Volkspartei getreu ihrem Programm die
Bekämpfung der Antisemiten, und insbesondere eines Mannes von so
antiliberaler Weltanschauung, ihren Parteigenoffcn, unbekümmert um
den Haß ihrer Gegner, zur Pflicht machen würde.
Diese Erwartung ist getäuscht worden. Die Parteileitung hat
es abgelehnt, Stellung zu nehmen; sie hat durch die „Freisinnige
Zeitung" erklären laffen, daß über die Haltung der Paitei bei Stich¬
wahlen nicht die Zentralleitung der Partei, sondern die lokalen
Organisationen selbständig zu befinden hätten. Das traurige Ergebnis
jener Stichwahl ist bekannt. Mit einer Mehrheit von ca. 3000
Stimmen ist der Antisemit gewählt worden.
Mit schmerzlichem Bedauern haben wir dieses Ereignis zu ver-
zeichnen. An der Tatsache, daß durch das Verhalten freisinniger Wähler,