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Im deutschen Reich.
mögen sie dem Antisemiten ihre Stimme gegeben oder der Stimme
sich enthalten haben, der Antisemit gewählt worden ist, dürfte kaun>.
gezweifelt werden können. Diese bittere Erfahrung hat mit vollem
Recht unter unseren Glaubensgenossen Befremden und Entrüstung er¬
regt; es hat der Vorwurf, daß die Leitung der Freisinnigen Volks¬
partei von antisemitischen Unterströmmungen nicht völlig frei sei, neue
Nahrung gefunden, und uns ist der Vorwurf nicht eripart geblieben,
daß wir die Interessen der deutschen Juden verkannt hätten, als wir
es aklehnten, uns bei dem vor den Wahlen aus Anlaß des Falles
Kopsch gegen die Freisinnige Volkspartei veranstalteten Kesseltreiben
zu beteiligen. Beide Vorwürfe sind ungerechtfertigt.
Auch heute zweifeln wir nicht daran, daß die Leitung der
Dolkspartei vom Antisemitismus frei ist. Wenn sie trotzdem
die Parole: »Gegen den Antisemiten" nicht ausgcgeben hat,
so kann sie nicht von der Erwägung geleitet worden sein,
daß der Antisemitismus im Verhältnis zur Sozialdemokratie das
kleinere Uebel sei. Eine solche Erwägung wäre mit wirklich liberaler
Gesinnung unvereinbar. Die Gleichberechtigung der Menschen muß
das höchste Prinzip liberaler Weltanschauung sein. Die vom Stand¬
punkte des Liberalismus allein zutreffenden Gesichtspunkte hat denn
auch unter anderen liberalen Blättern die Vossifche Zeitung in dem
Abcndblait vom 25. Februar 1904 mit den Worten dargelegt:
„Herr Raab lst ein Antisemit von der wüstesten Tonart, .der
den Juden die Gleichberechtigung entziehen will und sie mit Schmäh¬
ungen überhäuft. Er gehört zu jener Gruppe, die seit Jahren das
blutige Märchen vom Ritualmord vei breitet und dadurch Aus¬
schreitungen verursacht hat, wie sie ihre Früchte in Könitz getragen
haben. Man braucht nur an diese Vorgänge und an den Mord
von Siegers zu denken, um nicht den geringsten Zweifel zu haben,
daß kein liberaler Mann für den antisemitischen Kandidaten Raab
stimmen kann. Herr Raab ist überdies nicht nur Antisemit; er ist
auch entschiedenster Gegner der Handels- und Gewervefreiheit, ein
Ueberagrarier, ein Fanatiker, der jeder reaktionären Maßnahme freudig
zustimmt, namentlich wo es gilt, den Handel und zumal die Börse
in Fesseln zu schlagen."
Wir haben, um von der Volks-Zeitung und anderen Blättern
zu schweigen, gerade die Vosfijche Zeitung erwähnt, weil bekannt sein
durste, wie scharf sie besonders in jüngster Zeit an allen Orten der
Sozialdemokratie entgegengetretcn ist. und weil sie auch in jenem Artikel
ihre Gegnerschaft zur Sozialdemokratie in energischster Weise zum
Ausdruck gebracht hat. Nichtsdestoweniger hat sie keinen Zweifel