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Eschwege-Schmalkalden.
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darüber gelassen, dah der Antisemitismus vom Standpunkte des
Liberalismus als das größere Uebel im Verhältnis zur Sozialdemo¬
kratie zu erachten sei und daß hiernach jeder freisinnige Wähler dem
Sozialdemokraten seine Stimme zu geben habe. Der Liberalismus
kann ja auch tatsächlich nicht antisemitisch, denn das hieße reaktionär, sein.
Daher können nicht prinzipielle, sondern nur taktische
Gründe das Verhalten der Leitung der Volkspartei bestimmt haben:
entweder lehnt sie es grundsätzlich ab, die Lokalkomitees oder die
Einzelwähler in ihren Entschließungen bei Stichwahlen, bei denen
volkeparteiliche Kandidaten nicht beteiligt sind, zu beeinflussen, oder sie
hat im vorliegenden Falle auf Anschauungen und Wünsche der lokalen
Organisationen Rücksicht nehmen zu sollen geglaubt, sei es auch nur um
deswillen, weil sie ein Ankämpfen gegen sie für ausausstchtslrs hielt.
Welche Gründe der Taktik auch immer die entscheidenden
gewesen fein mögen, —- wir Hallen sie durchweg für verfehlt, und
zwar nicht blos vom Standpunkte der Juden, sondern auch vom
Standpunkte desjenigen, der, unbekümmert um die Interessen des Juden¬
tums, lediglich die Interessen des Liberalismus gewahrt wissen will.
Hat die Leitung der freisinnigen Partei das Prinzip, sich um
Stichwahlen nickt zu kümmern, so erscheint uns das als ein unfrucht¬
barer Doktrinarismus, der der Theorie die Gebote des praktischen
Lebens opfert. Es mag bequem sein, die Schwierigkeit der Ent¬
schließung auf Organe abzuwälzen, für welche die Centralleitung an
sich nicht verantwortlich ist; die Centralleitung muß den großen
Gesichtspunkten des politischen Lebens Rücksicht tragen; in grund¬
sätzlichen Fragen darf den lokalen, durch lokale Interessen bestimmten
Instanzen die Freiheit oer Entschließung unbeschadet des Ganzen nicht
gewährt werden.
Richtig mag sein, daß in dem Wahlkreise viele liberale, selbst
jüdische Wähler, sich zu einem Eintreten für den sozialdemokratischen
Kandidaten nicht entschlossen haben würden, wenn selbst die Leitung
der Dolkepartei eine entsprechende Parole ausgegeben haben wirrte.
Auch uns ist bekannt geworden, daß aus Furcht'-vor wirtschaftlichem
und gesellschaftlichem Druck selbst Juden dem Gegner des Antisemiten
ihre Summe nicht haben geben wollen.
Aufgabe einer Parteileitung aber ist es in solchem Falle, ihre
Anhänger unbekümmert um den Erfolg zur politischen Reife zu erziehen
und sie davon abzuhalten, daß sie, um vermeintliche Nachteile des Engeren
in der Gegenwart zu vermeiden, die Zukunft des großen Ganzen gefährden.
Man hat uns entgegengehalten, daß die Parteileitung nicht
ehrlich gehandelt haben würde, wenn sie in dem Bewußtsein der