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Im deutschen Reich.
Erfolglosigkeit ihres Eingreifens doch sich der Parole nicht enthalten
haben würde. Für diesen Exzeß der Ehrlichkeit fehlt uns das Ver¬
ständnis. Man ist nicht unehrlich, wenn man seiner wahren Meinung
auch da Ausdruck gibt, wo ein Erfolg nicht in Aussicht steht. Wäre
ein solcher in Eschwege-Schmalkaldcn selbst ausgeschlossen gewesen:
in keinem Fall würde nach unserem Dafürhalten die Ausgabe einer
Parole: „Gegen den Antisemiten und Reaktionär" dem Interesse einer
liberalen Partei haben schaden können. Denn in allen Lebenslagen
handelt nicht nur am korrektesten, sondern auch am klügsten, wer sein
Verhalten mehr nach den berechtigten Erwartungen bewährter Freunde,
als nach der Rücksicht auf Anfeindungen der Gegner einrichtct.
Müssen wir hiernach die Taktik, welche die Leitung der frei¬
sinnigen Dolksyartei beobachtet hat, von jedem Gesichtspunkt aus
rückhaltlos verurteilen, so verkennen wir doch nicht, baß es eben nur
Fragen der Taktik find, in denen nach unsrer Auffasiung die Leitung
der Volkepartei gefehlt hat; der Vorwurf des Antisemitismus aber,
der deshalb gegen sie erhoben wird, entbehrt ebenso der Begründung,
wie der uns gemachte Vorwurf, daß wir vor den Wahlen uns nicht
mit in das Schlepptau ihrer Gegner haben nehmen lassen.
Wir sind nach wie vor von der Ucberzeugung durchdrungen,
daß die liberalen Parteien nicht antisemitisch sind, schon weil sie es
ihrem Wesen nach nicht sein können, ebenso, wie uns das Verhalten
der Sozialdemokraten in dem Falle Prctzcl nicht in der Ucberzeugung
wankend machen konnte, daß auch die Sozialdemokratie unmöglich
antisemitisch sein kann. In die politischen Streitigkeiten derjenigen
Parteien, welche Gegner des Antisemitismus sind, mischen wir uns
grundsätzlich nicht ein; wir haben keine andere politische Losung, als:
gegen dm Antisemitismus. Uns als Verein muß jede Partei will¬
kommen sein, welche den Antisemitismus, diesen größten Feind aller
Freiheit, aller Kultur, und damit auch unserer Rechte, bekämpft. Als
im Reichstage Herr Liebermann von Sonnenberg einen Trumps aus¬
zuspielen glaubte, indem er mitteilte, der Zentralverein habe die Kan¬
didatur des SoziMemokraten unterstützt, wurde ein „hört, hört!"
gerufen. Hätten wir zur Wahl eines Raab, eines Liebermann, eines
Berckel unsere Glaubensgenossen aufgefordert, so wäre mit größerer
Berechtigung „pfui" gerufen worden. Uns von der Volkspartei deshalb
abzuwenden, weil sie sich in ihrem Verfahren in dem hier erörterten
Falle vergriffm hat, haben wir keinen Anlaß, zumal sie dabei leider
in der Haltung eines Teiles unserer eigenen Glaubensgenossen eine
Art Rückhalt gefunden hat.
Eine Lehre muß auch aus dieser Angelegenheit entnommen