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Im deutschen Reich.
Leben, Ehre und Vermögen der Einwohner waren während zweier
Tage auf Gnade und Ungnade dem Pöbel ausgeliefert. Die Hooli¬
gans^ unterstützt durch die „Nachlässigkeit" der Polizei und des
Militärs, teilten sich in mehrere Parteien, unb, ohne von den Be¬
hörden behindert zu werden, vernichteten und demolierten sie die
Magazine, Läden, Privathäufer, bedrohten mit dem Tode diejenigen,
die irgendwie sich der Gendarmerie gegenüber verdächtig machten, und
prügelten bis zur Bewußtlosigkeit alle, die sich mit einem Wort um
Hilfe an sie wandten. Die Panik hatte alle Einwohner erfaßt, die
Weiber und Kinder weinten und fielen in Ohnmacht, man hörte herz¬
zerreißendes Wehgeschrei der Verzweiflung; das Pfeifen und das Ge¬
heul der wildgewordenen Menge brachten der Bevölkerung Todesangst
und Schrecken. Die Bestien vernichteten das gesamte Hausgerät und
die Krambuden vieler Juden, verprügelten sie furchtbar, steckten
Häuser in Brand und warfen das zweijährige Kind eines Krämers
ins Feuer. Das ist nur ein Beispiel aus mehreren. An der
Peripherie der Stadt, in den Vororten und in Enikale (einem
größeren Vorort bei Kertsch) hauste die Menge besonders grausam.
Etwa sechzig junge Juden, bewaffnet mit Revolvern, gingen tapfer
zur Verteidigung ihrer Brüder vor; aber früher noch, als sie etwas
tun konnten, wurde auf sie auf Befehl des Stadthauptmannes eine
Salve abgegeben, und sie wurden genötigt auseinanderzulaufen. Aus
dem Kampfplatze blieben an dieser Stelle zwei Tote und elf schwer
Verwundete. Unter den Getöteten befindet sich ein christlicher
Gymnasiast, namens Kiritschenko, und unter den Verwundeten ein
christlicher intelligenter Arbeiter Vostzechowskij. Die Salve wurde
ohne jegliches Warnungssignal abgefeuert.
Das Resultat: etwa hundert Familien, die noch gestern ziemlich
gut gelebt haben, sin) je^'-genötigt, um Hilfe zu betteln.
Der Metzelei ging eine patriotische Manifestation vorauf, die
von der Polizei und den Hooligans veranstaltet war. Die Mani¬
festation galt als Gegendemonstration gegen die Arbeiter, die am
9. August eine regierungsfeindliche Kundgebung veranstaltet hatten»
Die Arbeiterkundgebung war freilich nur der Vorwand zur Metzelei,
da es festgestellt ist, daß ein Gendarmeriegeneral a. D. Flugblätter
verbreitete, die das Thema „Haut die Juden!" variierten; er agitierte
unter dem „Schwarzen Hundert" schon etwa feit sechs Monaten.
Die Polizei förderte seine „patriotischen" Bemühungen, und so wurde
mit gemeinsamen Kräften die Metzelei inszeniert."