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Im deutschen Reich.
gebildeten Persönlichkeiten in der großen Zeit des politischen Auf¬
schwungs der Gründung des Reichs gespielt haben. Spätere
Geschichtsschreiber unserer gegenwärtigen Epoche werden nicht umhin
können, den geistigen Strömungen, die in den letzten Jahrzehnten
im deutschen studentischen Leben einen wichtigen Einfluß erlangt
haben, große Aufmerksamkeit zu schenken, weil sie einen bedeutenden
Faktor darstellen für . die Gestaltung der politischen Verhällnifle
der nächsten Zukunft. Aber auch die Zeitgenossen sollten den Vor¬
gängen im akademischen Leben um ihrer hohen Wichtigkeit willen eine
größere Aufmerksamkeit schenken, als es gegenwärtig allgemein der Fall
ist. Als ein hoch willkommener Beitrag in diesem Sinne ist die
Weilsche Broschüre zu begrüßen. Die Schrift beruht auf einer sorg¬
fältigen und geschickten kritischen Durcharbeitung des historischen
Materials. Sie gibt eine übersichtliche Darstellung der verschiedenen
Wandlungen, welche die Burschenschaft in ihrer Stellungnahme zur
Judensrage .durchgewacht hat, und die mit den Veränderungen in ihrer
ganzen politischen Richtung parallel gegangen sind. Das Urteil des
Verfassers ist im allgemeinen besonnen und treffend. Nur in einem
Punkte ist ihm bei der Darstellung der treibenden Ursachen, die das
Ueberwuchern des Antisemitismus in der Studentenschaft bewirkt
haben, eine Täuschung mit untergelausen: ec überschätzt entschieden
den Einfluß, den die Vereine Deutscher Studenten aus andere
akademische Kreise ausgeübt haben. Diese erfreuten sich vielmehr von
jeher in der studentischen Welt einer vi?l zu geringen Achtung, als daß
sie einen so hohen Einfluß hätten ausüben können, wie der Verfasser
meint. Zusammenfaffend darf jedoch gesagt werden, daß der Verfaffer
sich bei. der Darstellung der hochinteressanten historischen Vorgänge zu
einer Objektivität durchgerungen hat, welche den Wert seiner Dar¬
legungen bedeutend erhöht und das Buch für Freunde und Feinde
gleich lesenswert macht. Die Schrift dürfte im gegenwärtigen Moment
besonderem Interesse begegnen, da ja jetzt gerade im studentischen
Leben ein scharfer Kampf gegen den Konfesfionalismus entbrannt ist,
in dem dieselben Burschenschaften eine führende Rolle spielen, deren
völligen Uebergang ins antisemitische L-^ger Weil treffend schildert.
Wenn allerdings der Verfaffer in seinem Vorwort die Erwartung
ausfpricht, daß aerade bei Gelegenheit des Kampfs gegen die kon¬
fessionelle Studentenverbindung das Ausrollen der Frage nach dem
Konfessionalismus aller Korporationen zu einer ehrlichen Selbst¬
besinnung wenigstens eines Teils von ihnen führen wird, so wird
dieser Optimismus nicht von vielen geteilt werden.