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.Bücherschau.
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Br. F. Pinkus, Studien zur WirLschaftssteüung der Juden. Berlin.
1905. Verlag Louis Lamm.
Unter den notwendigen Voruntersuchungen für eine ^jüdische
Geschichte"/ die den Anforderungen der Wissenschaft nach ihrem
heutigen Stande genügen soll, nimmt diejenige, die nach der Wirt¬
schaftsstellung der Juden fragt, einen hervorragenden Platz ein.
Gleichwohl ist dieses Gebiet bisher kaum beachtet worden, so daß es
ein schwieriges, aber um so rühmlicheres Unternehmen ist, einen Teil
zur Lösung der Aufgabe beizutragen. P'cht selten werden Perioden
oder Ereignisse der jüdischen Geschichte erst recht beleuchtet, wenn sie
im Zusammenhang betrachtet werden mit der Wirtschaftsstellung, die
die Juden unter einander einnehmen, oder in der sie im Staatsganzen
stehen.
Gegenwärtig ist es vornehmlich Br. Pinkus, der auf diese Seite
unserer Geschichte seine Aufmerksamkeit gelenkt hat, und dem es ge¬
lungen ist, schon manchen Baustein für den künftigen Bau beizu¬
tragen. Dazu darf auch die vorliegende Arbeit gezählt werden, in
der er weitere Beiträge zu diesem Thema gibt.
Er führt zunächst Klage über die bisherige Vernachlässigung
des Gegenstandes und weist die Mangelhaftigkeit der Beurteilung in
den neuesten Abhandlungen auf; besonders muß das Urteil von
Werner Sombart, das er in seinem jüngst erschienenen Werke: „Die
deutsche Volkswirtschaft im XIX. Jahrhundert" niedergelegt hat,
wundernehmen, sobald man den Erscheinungen tiefer nachzuspüren ge¬
wohnt ist» Sombart führt die Eignung der Juden für das kapitalistische
Wirtschaftssystem auf den „in der jüdischen Rasse lebenden, durch
nichts von feinem Ziele abzubringenden Willen" Zurück. Dabei darf
aber keinesfalls stehen geblieben werden, es müssen vielmehr die
materiellen Faktoren gesucht werden, die diesen Willen und die aus
ihm resultierenden Eigenschaften zur Ausbildung gebracht haben.
So werden wir zur „Grundlegung" des Systems geführt.
Diese erleidet eine Erschwerung dadurch, daß zu trennen ist zwischen
dem einheitlichen Wirtschaftssystem der Juden zur Zeit ihrer Staats-
selbständigkeit und dem dualistischen, dessen Beginn bedingt ist durch
ein „abnormes Moment", beruhend auf der Zwischenwirtschaft zwischen
den Juden und ihren Wirtsvölkern, „den Angehörigen eines fremden
Volksstammes und einem abgeschlossenen volkswirtschaftlichen System".
Diese „abnorme Lage" ist nicht mit dem Jahre 70 n. Ehr. zu
datieren; denn die Juden finden nach der Zerstörung des Tempels
im römischen Weltreich eine gute Aufnahme, nachdem sie schon vorher
als Handel- und Gewerbetreibende vielfach ihre Heimat mit fremden