Page
502
Im deutschen Reich.
Ländern vertauscht hatten. Auch unter den Anfängen des Christen¬
tums haben die Juden kaum Beschränkungen ihrer Rechtsfähigkeit zu
erleiden. Solche treten vielmehr erst ein zur Zeit der beginnenden
Völkerwanderung, des Untergangs des römischen' Weltreichs; zu einer
ununterbrochenen Erscheinung werden sie dann nach dem völligen
Wechsel der Völker in Italien wie im übrigen Europa. Hier also
beginnt die abnorme Lage, und die Feststellung ihres Beginnes bietet
einen Hinweis aus ihr Wesen. „Neue Völker, neue Staaten, neue
Verfassungen, neues Recht, neue Wirtschaftsformen waren auf den
Schauplatz der Geschichte getreten. Nur ein Volk hatte alle Stürme
überdauert, düster, traurig aber ungebeugt, fest an alten Formen
haltend, aus einer verschwundenen Welt stammend: die Juden."
Sie, die aus dem Altertum hinübergetreten waren in eine neue Zeit,
brachten alle Formen mit hinüber in die neu einsetzenden Wirtschafts¬
systeme: den Geist kapitalistischen Wirtschaftswesens in das Natural-
system der entstandenen Staaten.
Das war das Erbe, das sie sich aus dem Zusammenbruch ihres
^Staates bewahrt hatten, das ihnen, inmitten der wirtschaftlich noch
tiefftehenden Völker, die Erwerbung stattlichen Reichtumes ermöglichte,
das ihnen zeigte, wie sie die Abgaben, mit denen sie bald armen
Fürsten aufhelfen mußten, wieder ersetzen konnten. Es ist interessant
zu erfahren, welche — für damalige Zeiten — unglaublich hohen
Summen von den Juden verlangt und erlegt wurden; einige Bei¬
spiele seien wiedergegeben. „Aaron von Lincoln, ein englischer
Finanzier (1125—1186) war Gläubiger des Königs Heinrich IV.,
dem er 100 000 Lftrlg. geborgt hatte." — „Anfang des 12. Jahr¬
hunderts bezahlte die Judengememde von London allein 35 000 Mk."
— Aus diesen Tatsachen gilt es, den Schluß zu ziehen: den
kapitalistischen Geist haben die Juden aus dem Altertum als einzig
überlebendes Volk ins europäische Mittelalter genommen (vielleicht
auch trifft Sombarts Vermutung zu, daß auch das Kapital selbst
ihnen erhalten blieb), in eine Zeit, die Geldwirtschrft nicht kannte,
aber ihrer bedurfte. Und aus dem gleichen Gegensatz wird sich bei
Betrachtung der weiteren Wirtschaftsstellung die Behandlung der Juden
erklären müffen: solange man die Juden und ihr Geld nötig hat,
gibt man ihnen Freiheiten; wenn man sie entbehren zu können glaubt,
wenn man selbst ihre Funktionen erfüllen kann, stößt man sie zurück.
So war in den ersten Zeiten des Mittelalters ihre Rechts¬
stellung keine schlechte. Es war ihnen das Recht erteilt, Zinsen zu
nehmen, so daß sie Geldhandel betreiben konnten, der dann ihr
Monopol wurde; man mußte sie also schützen, da ihre Abgaben eine