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Im deutschen Reich.
die mein Dienstpersonal mit Schmunzeln las. Auf meine Be¬
schwerde erhielt ich von dem Kaiserlichen Postamt 3 in Hamburg
folgenden Bescheid: „Aus Ihre hier mündlich angebrachte Be¬
schwerde wird Ihnen unter Rückgabe der überreichten Postkarre
ergebenst erwidert, daß der Bestellvermerk so, wie er auf der
Postkarte steht, durch den bestellenden Boten des Postamts 15
medergeschrieben worden ist. Dieser Bote ist ein einfältiger
Mensch, dem die Absicht Zu beleidigen fern gelegen hat, sondern
der nur mechanisch das niedergefchrieben hat, was ihm bei dem
Bestellungsversuche gesagt wurde. Indem das Postamt sein Be¬
dauern über das Vorkommnis ausdrückt, wird Ihnen gleichzeitig
mitgeteilt, daß der Bote entsprechend belehn worden ist/
DKHer'scharr.
Nrrtzbttmn, Rechtsanwalt I>r. jur., Der Pülnaer Ri tu al-
mordproZeß. Einekrimmalpsychologische Untersuchung
auf aktenmäßiger Grundlage. Mit einem Borwort von
Geh. JustiZrat Prof. Dr. Franz von Liszt. 2. Auslage.
Gr. 8°, Preis geh. 4,— M. Verlag von A. W. Hayn's
Erben, Berlin SW. 12.
Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit dem Mord¬
prozeß, der in den Jahren 1899 und 1900 vor den böhmischen
Schwurgerichten in Kattenberg und Pisek gegen den jüdischen
Schustergesellen Leopold Hilsner verhandelt wurde. Der Ver¬
fasser, der durchweg aus streng aktenmäßiger Grundlage steht,
schildert den Hintergrund des Prozesses, vor allem die wahnsinnige
Erregung, in die das Volk durch die antisemitische Agitation
hineingetrieben wurde. Er weist den Druck nach, den die
Antisemiten vermöge ihrer parlamentarischen Machtstellung aus
den JustiZminister auszuüben verstanden. Zeigt, wie aus diesen
psychologischen Voraussetzungen heraus sich eine allgemeine
SNggestion der Bevölkerung bemächtigte und nach und nach im