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Im deutschen Reich.
Nas säuische Altertumskunde bringen seit Jahren
wertvolle, gediegene Arbeiten historischer Forschung auf dem
Gebiete des ehemaligen Herzogtums Nassau. Umso befremd¬
licher ist es, daß eine in Nr. 2 des Jahrgangs 1907/8 ver¬
öffentlichte — im übrigen recht verdienstliche — Arbeit über
die Westerwälde/ („D er große Notstand des W e st e r -
w a l d e s i m 19. Jahrhunder t") dasjenige Maß von vor¬
urteilsloser Betrachtung vermissen läßt, das als Grundlage
jeder historischen Forschung absolut unerläßlich ist. Bei Schilde¬
rung der Notstandsverhältnisse heißt es wörtlich: „Wo ein
Aas ist, da sammeln sich die Geier; es konnte also nicht
fehlen, daß solche sich einstellten, die die Notlage des Wester¬
waldes ausnutzten. Beim Fehlen aller Kreditanstalten waren
sie mit Erfolg als die Bankiers tätig. Biele Bauern hatten
eine Schuldenlast auf sich geladen, die jemals abzutragen
unmöglich schien, von der die unverhältnismäßig hohen Wucher¬
zinsen nicht einmal aufzubringen waren. Juden und
„I u d e n g e n o s s e n" hatten dazu in großartigem Maße
Biehverleihgeschäste eingerichtet." Was soll bei einer ob¬
jektiven geschichtlichen Darstellung dieses polemisch-gehässige,
antisemitische Schlagwort von den Judengenossen, die doch
— ein Zweifel daran ist nicht möglich — nicht etwa Teil¬
haber, sondern die e r b i t t e r st e n Konkurrenten
derjenigen Juden waren, die das gleiche Ge¬
werbe wie sie betrieben. In objektiver Darstellung
heißt der Satz: „Juden und Christen" hatten dazu in
großartigem Maße Viehverleihgeschäfte eingerichtet." Wenn
es Sitte werden sollte, Christen, die gleiche Bestrebungen
wie Juden haben und betätigen, mit „Judengenossen" zu
bezeichnen, dann würde man wohl auch die Mitglieder des
Vereins für Nassauische Altertumskunde in Juden und Juden¬
genossen einteilen müssen. Jedenfalls verletzt eine derartige
Art der Schilderung in einem der Wissenschaft
dienenden Blatte. Dort sollten Animositäten,
wie die hier gerügte, keinen Platz finden."
— lieber eine in Reichelsheim im Oden¬
wald dieser Tage stattgehabte Schöffengerichtsverhand¬
lung wird von dort der „Frankfurter Zeitung" be¬
richtet: „Die in Gießen erscheinende antisemitische „Hessische
Wochenschrift" hatte im Februar d. Js. drei Tierärzte in