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Im deutschen Reich.
auch in Bayern gleich. Sie gehen bftfjin, daß es in beiden
Bundesstaaten Juden a n ß e r o r d e n t l i ch s ch w er g e -
nt acht w ird, zur Privatdozen t u r zu ge l a n g e n.
Lediglich die medizinischen Fakultäten an einzelnen
größeren Universitäten Preußens machen eine Aus¬
nahme. In allen übrigen Fakultäten, insbesondere
auch an den technischen Hochschulen, werden Juden
aber nur sehr ungern zur Privatdozentur zugelassen. Schlie߬
lich ist es auch in den meisten medizinischen Fakultäten für
einen Juden außerordentlich schwer, zur Dozentur zu ge¬
langen. Man mag nur daran denken, daß bis vor wenigen
Jahren an der medizinischen Fakultät der Universität München,
die in Bezug auf die Anzahl der Medizin Studierenden jetzt
an erster Stelle steht und auch früher schon die zweite Stelle im
gesamten deutschen Reich einnahm, niemals ein Jude Privat¬
dozent wurde. Man wußte damals auch, daß ein Zulassungs¬
antrag von Juden regelmäßig an dem Widerspruch eines
sehr bekannten Klinikers scheiterte. In den übrigen Fakul¬
täten sind jüdische Gelehrte bei der Zulassung zur Privat¬
dozentur immer weit schlechter behandelt worden als Nicht¬
juden. Man wird wohl kaum auch nur einen einzigen Aus¬
nahmefall finden können, in dem eine Fakultät nicht theo¬
retisch aber praktisch sich auf den Standpunkt stellt, es sei
ihr gleichgültig, welcher Religion ein Bewerber angehöre,
wenn er die wissenschaftliche Befähigung besitzt. Dabei soll
gar nicht behauptet werden, daß alle oder auch nur der
größte Teil der Fakultätsmitglicder des Antisemitismus ver¬
dächtig sind. Wie's zugeht, wissen wir aus dem Munde eines
hervorragenden freigesinnten Ordinarius: die wenigsten Pro¬
fessoren finden es für angebracht, in einer solchen Frage
sich „herauszustellen". Werden antisemitische Einwände gegen
eine Berufung erhoben, so schweigt die Mehrzahl oder setzt
sich wenigstens nicht mit aller Energie zur Wehr; — gerade
dieser Punkt wird nicht gern zum Ausgangspunkt von Zwie¬
spältigkeiten gewählt.
Daß die häufig vorkommenden augenfälligen Zurück¬
setzungen von Juden nicht immer in genügender Weife an die
Öffentlichkeit gelangen, hat darin seinen Grund, daß die Zurück¬
gewiesenen meist aus recht falsch verstandenem Ehrgefühl mit
den Mitteilungen über ihre Erlebnisse zurückhalten. Sie