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Im deutschen Reich.
ferneren Lebensweg zu versperren und es, wenn mög¬
lich, rechtlos zu machen, oder von dem es argwöhnt, daß
er außerhalb der Schulstunde den Juden verhöhne und
verächtlich mache. Mit ihrer Versicherung, daß sie Politische
Theorie und praktisches Verhalten streng auseinander¬
halten, werden die Herren, so ehrlich gemeint diese Ver¬
sicherung sein mag, weder bei Eltern noch Kindern den
Stachel des Mißtrauens entfernen. Und wenn sie per¬
sönlich aus Rücksicht auf ihren Stand und ihre gesell¬
schaftliche Bildung sich einer vornehmen Form der Agitation
befleißigen, so werden sie auch dafür bei der Jugend kein
Verständnis finden. Sie wird diesen Ton nach ihrer Art
vergröbern und, wie Herr Geheimrat Haarmann treffend
angeführt hat, in einem als antisemitischen Führer be¬
kannten Ordinarius die Berechtigung sehen, die jüdischen
Schüler der Klasse zu verachten und zu verhöhnen. Das
ist nicht eine grundlose Befürchtung, sondern wir könnten
aus früheren Jahren Beweise dafür anführen. Hierin
sehen wir die größte Gefahr: nicht in dem antisemitischen
Lehrer, sondern in den mit der Berufung auf ihn sich
antisemitisch gebärdenden Schülern, in der Vergiftung der
Schule und der Jugend. Zur Ehre der antisemitischen
Lehrer und derer, die sie verteidigen, nehmen wir an,
daß sie nicht ahnen, wie es in der Seele eines jüdischen
Kindes in antisemitischer Umgebung aussieht, wie die ihm
die schönsten Jugendjahre vergällt und vergiftet.
Die Berufung auf Prof. Förster, einen der erstem:
Antisemitenführer, ist nicht ganz glücklich, denn er bildet
gerade eine der fatalsten Erinnerungen der antisemitischen
Bewegung. Angeekelt durch das Treiben seiner Partei¬
genossen, erklärte er 1897 seinen förmlichen Austritt aus
der 'deutsch-sozialen Fraktion, indem er als Grund ihre
politische Impotenz angab und erklärte, daß die Zu¬
gehörigkeit zu einer Partei wertlos sei, die nur mit ober¬
flächlichem Radau und verbrauchten Schlagworten arbeite.
Er gab seinen Lehrerberuf auf und ging nach Südamerika.
Ob dies eine Folge des Einschreitens feiner Vorgesetzten
Behörde war, können wir im Augenblick nicht feststellen,
aber das steht fest, daß die Schulbehörde unzweideutig
zu erkennen gegeben hat, daß antisemitische Agitation sich