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Reminiszenzen eines eilten Göttinger Korpsstudenten.
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mit dem Lehrberuf nicht verträgt; daß der alte Kaiser
Wilhelm sie auch eines Geistlichen schließlich für un¬
würdig gehalten hat, haben ja die kürzlich veröffentlichten
Briefe über den Sturz Stöckers gezeigt.
Die jüdischen Stadtverordneten Heinemann und
Sternau denken, wie sie nachdrücklich betont haben, so
wenig wie irgendein anderer Jude daran, irgendeinen
Menschen in seinen politischen Rechten zu stören, aber sie
haben ihr gutes Recht als Juden gewahrt, als sie gegen¬
über dem Herrn Oberbürgermeister und Vorsitzenden des
Kuratoriums für die städtischen höheren Schulen ihrer
Beunruhigung über die neu erwachende antisemitische Agi¬
tation Ausdruck gaben. A n t i s e m i ti s m u s in d e r
S ch ule i ft ein Schade, ein K r e b s s ch a d e. Man
bekämpfe den jüdischen Fortschrittler oder Nationallibe¬
ralen, so heftig man will, kein Jude wird sich darüber
beklagen. Aber man verfolge ihn nicht als Juden! Nie¬
manden sonst bekämpft man um seiner Abstammung willen,
nur der Antisemitismus tut es gegenüber den Juden,
-und das wollen sie sich nicht stillschweigend gefallen lassen
in einem Staat, in dem sie mitzuarbeitcn nach ihren
Kräften bemüht sind."
Wir haben diesen Artikel aus dem Grunde zum Ab¬
druck gebracht, weil derartige Vorfälle, wie sie in Dortmund
Anlaß zu erregten öffentlichen Debatten gegeben haben, auch
sonst leider noch häufig sind, und weil 'in diesem Fall die
mit Klugheit und Würde geführte Verteidigung die besten
Erfolge gezeitigt hat. In allen Fällen empfehlen wir daher
ein ebenso entschlossenes, energisches und würdevolles Vor¬
gehen. □
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Hleminrszenzen eines alten Köttinger
Korpsstudenten:
Geboren in einer kleinen Provinzialstadt, wurde ich als
Kind frommer Eltern, die in streng ritueller Weise lebten,
.in denselben Grundsätzen erzogen. Meine Spielkameraden
waren ausschließlich unsere christlichen Nachbarkinder.
Anfechtungen auf konfessioneller Basis gehörten zu den