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Im deutschen Reich.
absoluten Seltenheiten. Erschallte aber doch einmal der
Ruf „Hep, Hep", so wurde mit starker Faust Halt geboten.
Als ich das Gymnasium meiner Vaterstadt bezog, waren
außer mir noch vier jüdische Knaben Besucher dieser An¬
stalt, die sich gleich mir unter ihren christlichen Mitschülern
gleichberechtigt und sehr wohl fühlten.
Nach Tertia begleitete mich nur einer dieser vier Knaben.
Bon Sekunda ab war ich und blieb ich allein von meinen
Glaubensgenossen. Meine Lehrer behandelten mich stets wohl¬
wollend, mit einer einzigen Ausnahme. Dieser eine konnte
es wahrscheinlich nicht vergessen, daß er, der Sohn armer
Eltern, mit Unterstützung meines Großvaters die Universität
hatte besuchen .können.
Mit meinen Mitschülern lebte ich während meiner ganzen
Schulzeit in ungetrübter Harmonie.
Während des christlichen Religionsunterrichts hatte ich
bei dem gelehrten Rabbiner der kleinen Gemeinde Unter¬
richt und studierte unter seiner Führung Talmud und
Schulchan Aruch. Bis zum Abiturium habe ich in Gemein¬
schaft meines Vaters jeden Morgen die Gebetriemen an¬
gelegt und des Mittags das Tischgebet abwechselnd mit meinem
Vater gesagt.
Als ich in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts
aas Abiturientenexamen bestanden, wurde bei der feierlichen
Entlassung erwähnt, daß ich trotz mehr als hundertjährigen
Bestehens des Gymnasiums der erste Jude sei, der mit dein
Zeugnis der Reife entlassen werden konnte.
Fast alle meine Schulgenossen, die mir zu intimen
Freunden geworden waren, ganz gleich welcher Fakultät sie
ungestörten, waren auf der Universität Korpsstudenten ge¬
worden, auch die Söhne wenig bemittelter Eltern.
Da verstand es sich für mich von selbst, daß auch ich
bei einem Korps eintrat. Ich dachte gar nicht mit einer
Silbe daran, daß meine Zugehörigkeit zum Judentum einen
Hinderungsgrund zum Eintritt bieten könnte: so wenig
fühlte man sich damals abseits stehend. Ich wurde mit Freuden
ausgenommen und trat bald in eine mitführende Stellung.
Die Korps waren damals numerisch sehr stark und die immer¬
hin wenigen jüdischen Mitglieder erfreuten sich bei den ver¬
schiedenen Korps des besten Ansehens.