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Brieftasten.
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€. K., Berlin. Obgleich das preußische Abgeordneten¬
haus zurzeit für die unseren Glaubensgenossen betreffenden
Angelegenheiten keinen günstigen Resonanzboden darstellt,
werden diese doch in dankenswerter Weise bei geeigneter
Gelegenheit stets zur Sprache gebracht. Als bei der Beratung
des Justizetats die Vermehrung der Richterstellen besprochen
wurde, hat am 2. Februar der Abgeordnete Peltasohn
erklärt, eine Vermehrung der Richterstellen sei unumgäng¬
lich notwendig. Leider werde bei der Annahme der Assessoren
immer noch nach der Herkunft, der Religion und
der G e s e l l s ch a f ts f ä h i g k e i t geforscht. Ueber solche
Absonderungsbestrebungen sollte man doch endlich hinaus
sein. Bei der Auswahl der Schöffen dürfte kein Unterschied
wegen der Religion gemacht werden; die jüdische Bevölkerung
habe aber darüber zu klagen.
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£. K., Berlin. Der im „Berliner Tageblatt" veröffent¬
lichte Artikel von Professor Runze über den in Greifswald
verurteilten Rittergutsbesitzer Becker-Bart-
manshagen hat jüdische Kreise insofern sympathisch be¬
rührt, als es ein christlicher Geistlicher war, der für einen
Juden anerkennenswerte Worte gefunden hatte. Die Aeuße-
rung dieses wohlwollenden Geistlichen, der dabei das
„ethisch-christliche R e l i g i o n s g e f ü h l" rühmte und
daraus gewissermaßen den Charakter Beckers erklärte, hat
verschiedene Vereinsmitglieder veranlaßt, bei uns anzu¬
fragen, ob Becker noch Jude sei. Wir sind der Sache nach¬
gegangen und haben erfahren, daß er nach wie vor seine
nicht unerheblichen Steuern an die jüdische Gemeinde, zu der
sein Wohnsitz gehört, regelmäßig entrichtet. Auch aus Stettin
ging uns von kompetenter Seite die bestimmte Mitteilung zu,
daß Becker, der infolge seiner angegriffenen Gesundheit sich
zurzeit in einem Sanatorium in der Nähe von Karlsruhe
aufhalten soll, keineswegs sein Religionsbekenntnis ge¬
wechselt hat.
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G. £♦, Berlin. Daß im Verlauf des Beleidigungsprozesses
Cihula gegen Ofen bork, der im Dezember von dem