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Im deutschen Reich.
Geschworenengerichte in Wiener-Neustadt zum Anstrag
gebracht wurde, der Verteidiger des Beklagten, der sozial¬
demokratische Rechtsanwalt Dr. Berstl, sich in unerhörten
Beleidigungen gegen die deutsche Nation erging, ist nicht
zu bezweifeln. Unerwiesen ist jedoch die Behauptung der
deutschen Antisemitenpresse, daß Dr. Berstl Jude sei. Sollte
dies, obgleich es unwahrscheinlich ist, doch der Fall sein,
dann würde man ebensowenig die Berechtigung haben, die
Allgemeinheit des Judentums dafür verantwortlich zu
machen, wie man derartige Jnvektiven dem Christentum an
die Rockschüße hängen würde, wenn — wie dies in Oester¬
reich in dem Nationalitätenkampf oft geschieht — ein Christ
derart aggressiv wird.
B. <£., Berlin. Die am 3. und 4. Februar in Paris
erfolgten studentischen Kundgebungen gegen den Professor
des bürgerlichen Rechts, Wahl, der unter dem Schutz von
Polizisten den Hörsaal verlassen mußte, trugen einen anti¬
semitischen Charakter, waren aber nicht von allgemeiner
Bedeutung. Die Polizei nahm einige Verhaftungen vor, die
jedoch nicht aufrechterhalten wurden. Tatsache ist, daß in
Paris die klerikalen Studenten in der Rechtsfakultat die
Mehrheit bilden und den jüdischen Professor verdrängen oder
wenigstens von sich reden machen wollen.
ch
M. Berlin. Der Sonntagsdichter der „Staats¬
bürger-Zeitung", der sich wohl deshalb „Volker" nennt, weil
stets sein „Liedel" erinnert an eine arg verstimmte „Fiedel",
hat nicht ohne Grund in holprigen Versen am 5. Februar
der „Antisemiten Not" mit den Worten besungen: „Und
dennoch ermangelt — das klingt wie ein Hohn! — die
einzige deutsch-nationale Zeitung im deutschen
Reich noch der größten Verbreitung!" Acht Tage später be¬
geisterte ihn ein Druckfehler in einer westpreußischen Zeitung
zu einem Schmahgedicht gegen einen Toten, das „Ein Hohn
des Volkes" überschrieben war, aber sicher wider den Willen
des Nibelungen-Nachäfsers bemerkenswerte Worte enthält. Sie
machen dem von unzähligen Menschen zumeist wegen seiner