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Sanitätsrat Stilles „Kampf gegen das Judentum".
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aus Fanatismus, teils aus politischen oder geschäftlichen Grün-
den immer wieder von neuem aufnehmen. Da gilt es, fest
zusammenzustehen und alle inneren Zwistigkeiten oder nicht
ganz zu beseitigende Meinungsverschiedenheiten zu unter¬
drücken und eine Phalanx zu bilden für Recht und Wahrheit
gegen Tücke und blöden Haß, für Licht, Glanbenstreue und
Vaterlandsliebe gegen Dunkelmänner, Wotansanbeter und Fort¬
pflanzer der „Schmach des Jahrhunderts".
Auf dem Titelblatt der im Verlage der „Deutsch-nationalen
Buchhandlung" in Hamburg erschienenen 8. Auflage des Stille¬
schen Buches sind in geschmackloser Weise zwanzig bren¬
nende Lichter gemalt; wir möchten zum Zweck der erforderlichen
Aufklärung noch ein Licht, nämlich das Licht der Wahrheit,
anstecken, soweit dies im engen Raum eines kurzen Artikels
möglich ist. Gleich am Eingang der Stilleschen „Finsternis"
steht die nur den Antisemiten wertvolle poetische Jugendsünde
Franz Dingelstedts, die er verbrochen hat, als er noch
„kosmopolitischer Nachtwächter", und bevor er württembergischer
Hofrat und bayrischer Hofintendant war, nämlich die Strophe
jenes Gedichtes, das mit den Worten schließt: „Wohin ihr faßh
ihr werdet Juden fassen; geht, sperrt sie wieder in die engen
GassenI" Als reifer Mann stand Dingelstedt auf einem
völlig andern Standpunkt; denn er schuf im Jahre 1849 am
100. Geburtstag Goethes eine judenfreundltche Apo¬
theose, in der er, vom Wahn bekehrt, sagte:
,ßa quoll die Morgenröte durchs Fenster voll und warm,
Und jubelnd rief es: GoetheundBörne Arm in Arm.
Der großen Doppelsendung, die so verschieden war,
Versöhnung und Vollendung, im Traume sah ich
klar!".
Zu dieser von Dingelstedt gewonnenen ehrenvollen Klar¬
heit ist Dr. Stille noch heute nicht gelangt; denn in dem
Vorwort seiner Schrift behauptet er von den Juden: „Wer
noch an ihrer Beherrschung der wichtigsten Seiten unseres
Volkslebens zweifelt, der beweist, daß er sich von den jüdischen
Stimmen hat betäuben lassen!" Dann prophezeit er drohend:
.Me deutsch-völkischen Kreise werden der jüdischen Herrschaft
ein Ende machen; wenn sie auf friedlichem Wege nicht zum
Ziele gelangen, durch offenen Kampf. Gelingt es nicht,
das Joch ohne Anwendung von Gewalt abzuschütteln, so trei¬
ben wir unaufhaltsam dem Bürgerkriege entgegen."
Das ist der vornehme Ton Stilles, seine «Me Auffassung!
Und seine Wahrheitsliebe? Sind in Deutschland die
Juden etwa Beherrscher der wichtigsten Stellen unseres DoW-
lebens? Bekanntlich sind sie von jeder einflußreichen Stellung
in der Verwaltung, der Diplomatie, im Heere, in dem Schul-