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Korrespondenzen.
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Wegen seines späten Nachhausekommens zur Rede gestellt, er¬
zählte er seinen Eltern, er sei im Geschäft von Jacob Kaiser
gewesen, wo er gern kaufen wollte. Wegen eines vorbei¬
ziehenden Leichenzuges sei die Jalousie heruntergelassen worden;
in diesem Moment sei ev von den Kaiserschen Eheleuten, nach¬
dem ihm ein Tuch oder eine Schürze über den Kopf geworfen
und ihm ein Watteknebel in den Mund gesteckt war, in eine
Kiste gepackt und .nach dem Keller geschafft worden. Er sei
besinnungslos gewesen und nach wenigen Stunden wieder frei-
gelassen worden. Durch diese Erzählung aufgeregt, erstattete
der Vater Anzeige bei der Polizei. Der Bürgermeister hornig
begab sich am nächsten Vormittag in Begleitung des Stadt-
wachtmeisters mit Vater und Sohn in das Kaisersche Haus.
Der Junge bezeichnete dieses Haus als dasjenige, in dem ihm
Besagtes begegnet sei, und die Kaiserschen Eheleute als die¬
jenigen, die sich an ihm vergriffen hätten. Vor dem Hause
Kaisers, das in der Nähe der Synagoge liegt, hatte sich eine
große Menschenmenge angesammelt. Aufreizende Reden, daß
„der Junge gemordet werden sollte", „Christenmörder," „wenn
das in Posen wäre, würde das Haus demoliert und
die Kaisers würden erschlagen werden" u. a. m. wurden nicht
nur vom Pöbel, sondern auch von Leuten laut, denen
man mehr Intelligenz zugetraut hatte, oder von Ge¬
schäftsleuten, die aus der Verhetzung für sich Gewinn erhofften.
Die Polizei suchte Aufklärung in die Sache zu bringen. Als
am Donnerstag der Junge nochmals vernommen wurde,
blieb er zunächst bei seinen ersten Angaben; nachdem ihm
aber Zeugen gegenübergestellt wurden, die ihm bewiesen,
daß er die Anwahrheit gesagt habe, gab er zu, gelogen zu
haben. Diese Zeugen waren der Kaufmann Kretschmann und der
Manufakturwarenhändler Leopold. Bei Kretschmann hatte der
Junge sein Rad reparieren lassen und dort einige Stunden
auf die Reparatur gewartet; bei Leopold hatte er Garn gekauft.
Der Bäckermeister Tikora bekundete, daß Kaiser um die frag¬
liche Zeit mit ihm zusammen bei Gegenmantel gewesen sei.
Der Leichenzug war überhaupt nicht an Kaysers Haus vorüber¬
gegangen. Auf die Frage, wieso er eine solche Ausrede für sein
Ausbleiben gemacht habe, sagte der Bursche, er habe einmal
von seiner Mutter gehört, daß. in Zirke eine ähnliche Sache
vorgekommen sei; aus Furcht, von seinem Vater bestraft zu
werden, sei er zu dieser Ausrede gekommen. Die Polizei ließ,
nachdem die Sache klargestellt war, dies öffentlich bekannt¬
geben, um die Aufregung in der Stadt zu dampfen. Obgleich
die Grundlosigkeit der Beschuldigung völlig erwiesen ist, gibt
es in Wronke immer noch Leute, die glauben, die Juden hätten
das Blut des Jungen haben wollen. Man erzählt sich, daß
Lehrer und Lehrerinnen sich geäußert hätten, die Sache könne