Page
Jüdische Rundschau
19
w anderer n aus Deutschland Raum und Nahrung zu gewahren.
Das Schlagwort von der^.dcohenden UeberfluLung Deutschlands durch Ost-
juden ist ebenso alberir wie gewissenlos und nur darauf be¬
rechnet, die Massen des ohnehin aufgewühlten Volkes noch mehr auszu-
jtacheln und zu betören.
Es lohnt sich aber zu fragen: Was war die Ursache, daß die Pogrome
in Rußland ausbrachen? Bis ans Ende der siebziger Jahre herrschte dort
eine ausgesprochen judenfreundliche Stimmung, alle Tage erwartete man
die Heraökunift der vollen Gleichberechtigung. Kurz vor Ausbruch der
Pogrome entstand unter der Protektion des Zaren Alexander II. ein.
Verein zur Gründung jüdischer Kolonien in Rußland, es wurden zu diesem
Zweck bedeutende Summen gesammelt. In den jüdischen Zeitschriften
und Büchern jener Zeit spiegelt sich eine vollständige Ruhe und Zuversicht
auf bessere Tage. Die große Masse des russischen Volkes war, wie das
Volk überall, von sich aus keineswegs judenfeindlich, es mußte erst dazu
durch höhere Beachte, 'Regierung, Beamtenschaft, Geistlichkeit, Intelligenz,
erzogen werden, damit aber Judenmetzeleien im größeren Stile entstanden,
mußw die Ueberzeugung' verbreitet werden, daß die Regierung das nicht
nur erlaube, sondern sogar wünsche. Die russische Regierung konnte da¬
mals solches nicht wünschen, konnte es nicht erlauben, denn sie hätte sich
vor der ganzen öffentlichen Meinung des damaligen Europa und ins¬
besondere Deutschlands, auf dessen Ansichten man in Rußland
dazumal mehr hielt als auf die der ganzen Welt, arg blamiert. Während
des Berliner Kongresses, Sommer 1878, versicherte der russische Kongreß-
delegierte, Graf Schuwalosf, dem Berliner Bankier B l e i ch r ö d e r,
die völlige Emanzipation der Juden in Rußland werde nicht mehr lange
aus sich warten lassen, er hoffe, sie noch selber durchzuführen. Auf eben
diesem Kongreß hatte Bismarck die Emanzipation der rumänischen
Juden mit großer Energie betrieben und dabei dem ersten russischen
Kongveßdelegierten, Fürsten Gort-schakoff, der die russischen Juden be¬
schimpft hatte, vor dem versammelten Kongreß eine kräftige Lektion voller
Ironie und Freimut erteilt. Die einflußreichsten Elemente der russischen
Bureaukratie und' Intelligenz standen unter dem Zauber der Kultur
Deutschlands, das damals auch wirtschaftlich und politisch zum Gipse! der
Macht sich aufschwang. Es gab allerdings eine Anzahl von Publizisten
in Rußland, die Judenhaß predigten, aber diese waren als Reaktionäre
verrufen und jeden Einflusses beraubt, sie galten als mittelalterliche Rück¬
schrittler, als beschränkte Fanatiker, dir von der deutschen', Kultur nicht be¬
leckt waren und die Finsternis entlegener Jahrhunderte über das Land
herauföeschworen möchten. Wie hatte es in Rußland zu Massenpogromen
und -Austreibungen kommen können?
Das änderte sich gründlich, nachdem der deutsche Antisemitismus in
Hellen Flammen emporloderte. Die Russen hielten ja seit Peter dem
Großen die Blicke wie hypnotisiert auf Deutschland gerichtet. Dieses war
ihnen stets Meister in allen Fragen der Kultur und des öffentlichen Le¬
bens. Aus Frankreich bezog man Parfüms, Kokotten, Damenmoden und
Champagner, aus Deutschland Ideen. Sogar der Panslawismus baut sich
ja aus Gedankensolgen auf, die der deutschen Philosophie entlehnt und —
verstümmelt wurden. Auch die „Idee" des Antisemitismus entfaltete die
volle Wirkungskraft ihres Giftes nur in Rußland, dort wurde sie begierig
ausgenommen und von diesen hemmungslosen Menschen sofort in die Tat
umgesetzt. Durften in Deutschland Professoren, Parlamentarier und Hof¬
prediger ernstlich die Frage erörtern, ob die Juden überhaupt im Lande
zu dulden und nicht wenigstens unter Fvemdenrecht zu stellen wären, we¬
gen der unverbesserlichen Verderbtheit ihrer Nasse, durfte im Wiener Ab-
geordnetenhause ein mächtiger staatserhaltcuder Politiker den Antrag