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Im deutschen Reich
stellen, die Regierung solle ein Schußgeld auf die Juden einführen, wie
aus tolle Hunde — was brauchte man sich in Rußland zu schämen, sie durch
den Pöbel kurzweg totschlagen und vertreiben zu lassen? Die Berliner
Äntisemitenführer haben den russischerr Chuligans den Freibrief für ihr
Tun ausgestellt. T r e i L s ch f e xt n b Stöcker sind die wahren
Väter de r nt ssis ch e it Pog r o m e g e w o r d e n. Währeitd man in
Berlin und Wien mit wissenschaftlichen Theorien und Rednerphrasen
hantierte, schwang man in Rußland das Mordbeil und die Brandfackel.
WaZ hier gesät wurde, ging dort blutig auf. Die ganze judenfeindliche
Literatur Rußlands ist ein einziger Abklatsch der deutschen. Jahrzehnte¬
lang waren die russischen antisemitischen Blätter nur ein Echo der
„Kreuzzeitung", der „Staatsbürgerzeitung" und ihresgleichen. Purischke-
witsch, das berüchtigte Oberhaupt der „Schwarzen Hunderte", war bis
zum Kriegsausbruch Mitarbeiter der „Kreuzzeitung". Aus Berlin be¬
zogen die russischen Pogromhelden und Judenaustreiber ihre ganze
„geistige" Munition, die den Juden« das Leben im Zarenreiche zur Hölle
machte und sie zur Auswanderung zwang. Wohin sollten sich nun die
Unglücklichen wenden, nachdem ihnen das Innere Rußlands, der ganze
Osten und Sibirien für immer verschlossen waren, eben infolge dzeser
vom deutschen Antisemitismus ausgegangenen Hetze? Wohin andersst-als
nach dem Westen? Und was Wunder, wenn von dem großen Strom, der
fid). nach der anderen Halbkugel ergoß, einige Tröpfchen in Deutschland
hangen blieben? Die russischen Juden können zu den deutschen- Antisemiten
sprechen: „Unser Vaterland ist groß, - es bietet Raum für uns alle,
wir hatten weder das Bedürfnis, noch die S e h n -
sucht, zu euch z u k o m m e n ; wenn uns das Leben dort
zur Unmöglichkeit geworden ist, und wir gezwungen sind, aus-
züwandern und in eurem Lande Aufenthalt zu nehmen, so ist
daran kein anderer schuld, als ihr selber. Sen¬
det uns it“itr keinen Antisemitis m u s herüber und
wir werden zu euch nicht kommen."
• Möchten die Herren Antisemiten nicht das wenigstens für die Zu¬
kunft sich merken?
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Lange bevor die „Ostjuden" Gegenstand antisemitischer Fürsorge ge¬
worden waren, hatten ,sie selbstverständlich die Aufmerksamkeit ihrer west¬
lichen Brüder auf sich gelenkt. Vor mehr als 100 Jahren verfaßte
D a v i d F r i e d l ä über auf Verlangen hervorragender polnischer
Staatsmänner eine Schrift über die Verbesserung der Lage der Juden
in Polen, die, bei aller Befangenheit in den Vorurteilen jener Zeit, viele
mit großer Herzenswärme und aufrichtiger Liebe vorgetragene treffliche
Ratschläge enthielt. In den dreißiger und vierziger Jahren veraaßen
die deutschen Juden über die inneren Kämpfe und den großen Kampf um
die Gleichberechtigung niemals ihre osteuropäischen Brüder, denen, wie
man damals allgemein wähnte, nur durch Bildung und Aufklärung ge¬
holfen werden konnte. Während der Damaskus-Affäre gingen der Eng¬
länder Moses M oute f i o r e (der auch beim Zaren Nikolaus zugunsten
der russischen Juden intervenierte), der Franzose Ado l p h e C r e m t e u x.
und der Deutsche Salomon Munkftogar uach dem fernen Osten, um
ihren Brüdern in der furchtbaren Not beizustehen. Als zwei Jahrzehnte
später die ersten Begründer der Pariser Alliance Jsraelite Universelle —
damals wahrhaft universell, ^rei von jedem nationalen Chauvinismus
und überpatriotischer Engherzigkeit — die Parole ausgaben, die befreiter
Juden in den westlichen Ländern müssen ihren Brüdern überall dort, wo
sie . um ihres Judentums willen leiden, zu Hilfe kommen, fand dieser
Gedanke den stärksten Anklang in Deutschland,, wo drei der angesehensten